Wien: “Die Entführung aus dem Serail“ von Mozart an der Volksoper als banales Lehrstück

Xl_entf_hrung-wien-palffy-6-23-1 © Barbara Pálffy

Eine riesige, aufgeschnittene Feige dominiert die Bühne (Magda Willi): Vor diesem erotischen Symbol sieht man halbnackte Frauen und Männer, aber auch allerlei Fabelwesen, die spätestens bei der „Marterarie“ der Konstanze zur Sache kommen und heftig zu kopulieren beginnen. Aber mehr noch als die Erotik stellt der türkisch stämmige Regisseur Nurkan Erpulat bei Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail"an der Wiener Volksoper den Konflikt zwischen Mann und Frau, zwischen Orient und Okzident wie auch zwischen Islam und Christentum in den Mittelpunkt in den Mittelpunkt. Und zu diesem Zweck hat er sich von dem afghanisch-deutschen Rapper und „Poetry Slammer“ Suleiman Masomi gleich eine aktualisierte neue Textfassung schreiben lassen, die jedoch hauptsächlich Klischees, teils sogar obszöne Derbheiten und moralisierende, belehrende Banalitäten enthält: Da wird etwa von Blonde ein feuriges Plädoyer für das Matriarchat gehalten und gegen das männliche Streben nach Macht und Ruhm aufzubegehren. Beim Suff mit Pedrillo beginnt der Palastaufseher Osmin plötzlich im „wienerischen Dialekt“ zu lallen und die Chinesen als die Wurzel allen Übels zu diffamieren. Und im endlosen Schlussmonolog des Bassa Selim, bei dem dieser immer wieder aus der Rolle kippt, teilt er gegen die „hochmütigen, westlichen Gesellschaft“ verbale Hiebe aus. Er stellt auch den Sklavenhandel, den Kolonialismus als Gesamtes, den Irakkrieg, Guantanamo, Atomwaffen und Flüchtlingskatastrophen an den Pranger. Das wird einem dann doch zuviel! Darüber hinaus und außer einigem. nicht besonders witzigen Klamauk mit herumgetragenen Leitern ist Erpulat bei seiner Regie auf der meist leergeräumten, trostlos wirkenden Bühne allerdings nicht viel eingefallen bzw. ist diese kaum vorhanden. Die Produktion pendelt zwischen Statik und belehrenden Vorträgen über kulturelle Vorurteile.

Von unterschiedlicher Qualität hört man das Ensemble: Allen voran singt Stefan Cerny den Osmin mit prachtvollem, stimmkräftigem Bass und allen Tiefen sowie enormer Präsenz. Rebecca Nelsen ist eine innige, koloraturensichere Konstanze. Hedwig Ritter spielt eine quirlige Blonde, leider ist sie ziemlich textunverständlich und neigt zur Schrillheit. Daniel Kluge ist ein lebendiger, solider Pedrillo. Der Belmonte des höhensicheren Timothy Fallon verfügt aber über ein gewöhnungsbedürftiges Timbre und vermag mit seinem engen Tenor ohne Schmelz keinen Liebhaberglanz zu versprühen. Der deutsche Schauspieler mit türkisch-kurdischen Wurzeln Murat Seven gibt einen differenzierten Bassa im schwarzweißen Federrock. Der homogen singende Chor der Wiener Volksoper (Einstudierung: Roger Diaz-Cajamarca) ist mit Gewehren bewaffnet und in Tarnanzüge mit hässlichen Totenmasken (bei den Kostümen von Aleksandra Kica dominieren ansonsten die dunklen Farben) gesteckt.

Mit großer Frische, flotten Tempi, vielen dynamischen Akzenten und reichem Kolorit weiß das Volksopernorchester, das auch über exzellente Solisten verfügt, unter dem souveränen Alt-Meister Alfred Eschwé zu gefallen. Dieser ist für den jungen Italiener Angelo Michele Errico, den das Orchester nach internen Informationen bei den Proben abgelehnt hat, eingesprungen.

Jubel für die musikalische Seite, etliche Buhs für die Inszenierung.

Dr. Helmut Christian Mayer

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