© Michael Pöhn
„Au fond du temple saint…“–„Aus der Tiefe des heiligen Tempels…“: Edel und schön sind die Worte des populären Freundschaftsduett aus den „Les pêcheurs de perles “ (den „Perlenfischern“). Georges Bizet hat sie in eine wunderbar einfühlsame, anrührende Melodie geformt, die leitmotivartig immer wiederholt, zu einem echten Hit wurde. Aber damit sie ihre Wirkung erzielt, bedarf es exzellenter Stimmen. Der Wiener Staatsoper, wo die frühe und eher selten aufgeführte Oper des französischen Komponisten - man glaubt es kaum - überhaupt zum ersten Mal aufgeführt wird, gelingt dies überwiegend, nur mit kleinen Einschränkungen: Denn Juan Diego Flórez verfügt als Nadir über ein schönes Timbre mit sicherer Höhe und er verströmt auch betörenden, schlanken Schönklang. Allerdings wirkt sein Tenor für diese Partie im Laufe des Abends zu leichtstimmig. Als richtiger Haudegen, mit großer Präsenz und kraftvollem, schönem Bariton hingegen ist sein Rivale Ludovic Tézier als Zurga zu hören. Auch die von beiden heißbegehrten Priesterin Leíla wird von Kristina Mkhitaryan mit wunderbarer Flexibilität und allen glasklaren Spitzentönen gesungen. Etwas eindimensional aber stimmkräftig wirkt Ivo Stanchev als Hohenpriester Nourabad.
Das selten aufgeführte Werk Bizets, das zwar an sein Meisterwerk „Carmen“ nicht heranreicht, ist auch eine Choroper. Der vielbeschäftigte Chor der Wiener Staatsoper singt ausbalanciert, klangschön und meist präzise und er absolviert seine Bravournummern gebührend beschwingt und ziemlich rhythmisch trittfest.
Ohne auf die folkloristische Musik Ceylons Bezug zu nehmen, schuf Bizet einen orientalisch anmutenden Ton, indem er fremdartige Tonleitern, bizarre Harmonien oder außergewöhnliche Instrumentierungen einsetzte, die seiner eigenen Fantasie entsprangen. Mit diesem exotischen Sujet folgte Bizet einer Strömung seiner Zeit, in der großes Interesse an außereuropäischer Kultur herrschte. Beim Orchester der Wiener Staatsoper blüht unter dem Dirigat von Daniele Rustioni, bei seinem Hausdebüt, das exotische Kolorit immer wieder wunderbar klangvoll auf. Es wird nuanciert, ausgewogen und sängerfreundlich musiziert.
Weit entfernt vom exotischen Sri Lanka, wo die Oper am Meeresstrand bei den Perlentauchern spielen sollte, ist hingegen die Szene. Dafür sorgt Ersan Mondtag, der ebenfalls erstmalig an der Staatsoper inszeniert und auch gleich Bühne und Kostüme entworfen hat. Die Geschichte behält er zwar weitgehend bei, verändert aber den Schauplatz völlig. Denn das Fischerdorf ist bei ihm einer heutigen Textilfabrik gewichen, einer harten, asiatischen Arbeitsrealität mit vielen Arbeitern, deren Kostüme wie Sträflingskleidung aussehen. Schäbige Häuser füllen die dunstige Bühne, in deren Zentrum eine riesige Statue der verehrten Leila steht. Nach der Pause macht sich statt des eigentlich vorgesehenen Inneren eines Hindu-Tempels nur noch kalte Öde breit, denn wir befinden uns in einer aus weißem Marmor bestehenden, modernen Shopping-Mall, mit entstellten Aufschriften wie „Versasse“ oder „Guggi“ auf den Geschäften, die sich „Carmen“ nennt. Die Musik aus dieser Oper daraus vernimmt man auch leise aus Lautsprechern, ebenso wie die Stimme der Staatsoperndirektors Bogdan Roščić, der die Kunden auffordert, die Mall zu verlassen, da sie bereits geschlossen sei, worauf Unmengen von Sicherheitspersonal in Uniformen mit Taschenlampen auftauchen. Leila selbst taucht in einem eleganten Kostüm auf und wird von Personen mit kitschigen Kostümen mit seltsamen Hüten, bewaffnet mit Maschenpistolen begleitet. Mondtag beschränkt sich sonst auf bloße Arrangements, eine eigentliche Personenführung findet nicht statt. Es wird am aller meisten herumgestanden, etwas herumgeschritten und gestikuliert. Auch der Chor muss kaum spielen. Das finale Feuer findet nur auf einer Videoleinwand als "Breaking News" am Ende statt, was dazu führte, dass der Regisseur bei der Premiere ausgebuht wurde.
Für Sängerinnen und Sänger, Dirigent und Orchester gab es großen Jubel im vollen Haus!
Dr. Helmut Christian Mayer
28. Mai 2026 | Drucken

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