© Michael Pöhn
Kein Wunder, dass die Wiener Staatsoper wieder restlos ausverkauft ist. Denn immerhin ist Piotr Beczala für die Rolle des Don José in Georges Bizets „Carmen“ angesagt: Und er erfüllt sämtliche hohen Erwartungen. Der aus Polen stammende Ausnahmetenor ist in blendender Verfassung, in Topform, mit hoher Strahlkraft und Bühnenpräsenz ausgestattet und weiß alle Nuancen und Spitzentöne der Partie mühelos zu meistern. Besonders packend gelingt ihm auch darstellerisch die Schlussszene. In der Titelpartie debütiert Victoria Karkacheva am Haus mit hoher Technik und vielen Farben ihres dunklen Mezzos, allerdings will man ihr die Rolle der Carmen weder sängerisch noch szenisch so richtig abnehmen. Zudem mangelt es ihr vor allem im ersten Akt an Erotik. Anna Bondarenko kann in der Partie der Micaëla viel Innigkeit mit ihrem schönen, dunkelgefärbten Sopran erzeugen. Alexey Markov ist ein sonorer und kerniger Escamillo. Nicht zu vergessen die vielen kleinen Rollen, wie der wuchtige Zuniga von Evgeny Solodovnikov, ebenfalls ein Debütant am Haus, die prächtige Mercédès der Isabel Signoret sowie die exzellente Frasquita der Ileana Tonca. Aber auch Carlos Osuna (Remendado), Clemens Unterreiner (Dancaire) sowie Leonardo Neiva (Moralès) gefallen. Beeindruckend und großteils homogen singen der Chor und Kinderchor der Wiener Staatsoper, die sich auch durch besondere Vitalität im Spiel auszeichnen.
Sehr routiniert im positiven Sinne und immer differenziert leitet Yves Abel das Orchester der Wiener Staatsoper. Es entstehen viele innige aber auch packende Momente, wie etwa beim Finale.
Eine Telefonzelle, ein Fahnenmast und mehrere hupende oder quietschende Oldtimer, in denen viel gesoffen wird: das ist das trostlose, dunkle Ambiente in der mit seltsamen Ideen und Brutalität angereicherten, schon bekannten Inszenierung von Calixto Bieito. Es gibt kein Sevilla, keine Folklore und keinen Ausstattungsglanz. Die Geschichte spielt irgendwann im Nirgendwo auf einer leer geräumten Bühne mit schäbigen Kostümen. Viel Applaus!
Dr. Helmut Christian Mayer
25. Februar 2026 | Drucken

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