Weinbergers "Frühlingsstürme" aus Berlin auf DVD: Eine echte Operettenrarität

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Mit "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" hat der 1896 in Prag geborene Jaromir Weinberger 1927 einen Welthit gelandet. Es ist auch heute eines seiner wenigen Werke, die bekannt sind und gespielt werden. Überall wurde die Oper damals gespielt, in der Saison 1929/30 stand sie sogar öfters auf den Spielplänen deutschsprachiger Bühnen als „Die Zauberflöte“ und „Carmen“. Deshalb war die Erwartungshaltung von seiner ersten Operette riesengroß. Doch kurz nach der erfolgreichen Uraufführung im Jänner 1933 im Admiralspalast in Berlin von „Frühlingsstürme“, dessen männliche Hauptrolle auf den damaligen Startenor Richard Tauber geradezu zugeschnitten war, geriet die allerletzte Operette der Weimarer Republik nach dem nur zehn Tage später stattgefundenen Machtwechsel ins Visier der Politik. Deshalb musste schon Mitte März der letzte Vorhang fallen. Weinberger gelang es noch, in die USA zu emigrieren, wo er jedoch künstlerisch nie Fuß fassen konnte.

Aus dieser Endphase der Weimarer Republik gräbt Intendant Barrie Kosky schon seit mehreren Jahren immer wieder vergessene Werke aus. Jetzt gab er mit der Aufführung von „Frühlingstürmen“ an der Komischen Oper Berlin 2020 einem Komponisten, den die Nationalsozialisten mundtot gemacht haben, seine Stimme zurück und zwar fast auf den Tag genau 87 Jahre nach der Uraufführung im ebendiesem Admiralspalast.

Dabei mussten jedoch nicht wenige Hürden überwunden werden, denn es gab von dem Werk nur mehr einen Klavierauszug und Tonaufnahmen einiger Musiknummern. Norbert Biermann rekonstruierte daraus eine Orchesterfassung. Vor dem Hintergrund des Russisch-Japanischen Krieges 1904/05 findet diese verwickelte und ziemlich krude Geschichte nach einem Libretto von Gustav Beer statt: Im Hauptquartier der russischen Armee, in der Mandschurei, spielt sich ein Liebes- und Spionagestück ab. General Katschalow, der Oberkommandierende, liebt die gleiche Frau wie sein Diener, Major Ito, zugleich ein japanischer Spion. Verhaftungen wechseln sich mit Befreiungsaktionen, Losungswörter werden erpresst, mittendrin ist die mondäne Lydia Pawlowska, die am Kriegsschauplatz allen Männern den Kopf verdreht. Zum Finale befindet man sich in San Remo, wo die Friedensverhandlungen stattfinden.

Trotz des verwirrenden Plots gelingt es Koskie eine gelungene Inszenierung. Wenn auch der erste Akt durch viel zu große Redseligkeit etwas umständlich und langatmig wirkt, gewinnt sie dann doch immer mehr an Tempo und Witz mit vielen Slapsticks. Auch chinesische Drachen und Lampions dürfen nicht fehlen.Und Klaus Grünberg ist mit der sich öffnenden, überdrehenden Kiste, die für Szenenwechsel sorgt, eine ingeniöse Bühnenbild-Lösung eingefallen.Aufgepeppt wird das Ganze noch von einem reinen Damenballett (Choreographie: Otto Pichler), das prächtig, schön und lasziv wie im Pariser Lido oder Crazy Horse (die hinreißenden Kostüme stammen von Dinah Ehm) tanzen.

Weinbergers Musik hat eine ganz eigene magische Schönheit, Tempo, Farbigkeit und bringt spätromantisch instrumentale Virtuosität und Inventionskraft mit. Es vermengen sich Sentiment und Finesse und sie neigt sich deutlich in Richtung der großen Schwester: zur Oper. Diese hat Jordan de Souza  mit dem Orchester der Komischen Oper voll Charme, Rasanz und revuehafter Eleganz eingefangen. Neben Walzer, Foxtrott und Tango, Anklängen an Jazz hört man auch Fernöstlich-Exotisches.

Mit Vera-Lotte Boecker als Lydia Pawlowska hat man eine glänzende attraktive Operetten-Diva, die optisch und akustisch alle vorstellbaren Wonnen bietet. Ihr runder lyrischer Sopran verfügt über eine profunde Tiefe, eine wohlig samtige Mittellage und leicht ansprechende silberne Höhen. Tansel Akzeybekals spionierender Major Itho versucht erst gar nicht künstlich Tauber-Töne zu wecken. Anfänglich recht nervös, klingen auch seine Duette mit Lydia, insbesondere der echte Hit des Abends: „Traumversunken, liebenstrunken“, bei dem eine rote Showtreppe ins Nirgendwo führt, zu bodenschwer und er irritiert mit etwas unschönen Kopf-Tönen. Aber exzellent ist seine Phrasierung, sicher sind die Höhen. Star des Abends ist aber ausgerechnet ein Schauspieler: der charismatische Stefan Kurt in der Hauptrolle des Generals. Er verbindet zarte Komik mit Geschmack und singt auch später komisch traurig die Lenski-Arie aus „Eugen Onegin“. Alma Sadé als sein Töchterchen Tatjana und Dominik Köninger als der deutsche Journalist Roderich spielen und singen so leicht und quirlig, wie das für das Buffo-Paar vorgesehen ist.

Kürzlich erschien nun diese Rarität als DVD/Blu-Ray-Disc bei Naxos Nr. NBD0122V, wie immer bei diesem Label, das immer wieder vergessene Werke veröffentlicht, in Top-Aufmachung, was Ton- und Bildqualität betrifft.

Dr. Helmut Christian Mayer

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