Wagners "Rienzi" im TV-Stream der Deutschen Oper Berlin: Ein diktatorischer Führer

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Herrlich ist die Aussicht auf die weite, bergige Winterlandschaft, die ein massiger Mann in weißer Uniform im Rücken zum Publikum am Schreibtisch sitzend durch die Glasfront vom großräumigen, granitenen Saal aus betrachtet. Sofort mit dem Einsetzen der bekannten Ouvertüre, die aus einem alten Grammophon zu ertönen scheint, beginnt er diese zu dirigieren. Es ist der Titelheld persönlich, zumindest sein Double, das von Gernot Frischling dargestellt wird, der dann immer im Takt der Musik zu zittern, zu tanzen und mit erstaunlichen Kunststücken zu turnen beginnt. Reminiszenzen an Chaplins Film „Der große Diktator“ werden wach.

Offensichtlich am Obersalzberg beginnt so Richard Wagners „Rienzi, der letzte der Tribunenan der Deutschen Oper Berlin, die Premiere war schon 2010 als erstmalige szenische Umsetzung dieses Werks an diesem Haus überhaupt, die jetzt als „Oper on demand“ im Internet zu erleben war. Wagners dritte, teils langatmige Oper von etwa fünf Stunden, 1842 in Dresden uraufgeführt, wurde auf ungefähr die Hälfte gekürzt, wobei überwiegend die Massenszenen blieben. Sie handelt von den Fehden der Orsinis und den Colonnas im alten Rom des 14. Jahrhundert, wobei Rienzi kurzfristig zum Führer erkoren, zum Schluss aber gemeuchelt wird.

Das Werk durfte nie zum Stückekanon der Bayreuther Festspiele gehören und galt immer als problematisch, vor allem auch deshalb, weil es Hitler zu seiner Lieblingsoper erkoren hat, deren Vorspiel er auch immer wieder zu offiziellen Anlässen spielen ließ. Und diesen Konnex zeigt Philipp Stölzl schon bald. Denn während die Adeligen und das Volk vorerst noch bunte Kleider und Masken tragen, werden diese bei der Machtergreifung Rienzis abgelegt und weichen schwarz-weißen Uniformen mit einem „R“ auf den Aufschlägen und auf einer riesigen Projektion im Hintergrund. Und bald wird auch heftig im Gleichschritt marschiert, die rechte Hand wird häufig immer wieder als Faust noch oben gereckt, von Projektionen im Stil der damaligen Wochenschau begleitet. In dieser sieht man auch den Führer und Diktator in allen möglichen Posen, meist redenschwingend und dem Volk zuwinkend vor schiefen, modernen Häusern, auch noch dann, als die Welt schon längst in Trümmern liegt.

Im zweiten Teil kommt noch eine untere Ebene, eine Art Führerbunker auf die Szenerie. Die Bühne wurde von Ulrike Sigrist gemeinsam mit Stölzl erdacht. Stölzls Inszenierung ist plakativ, er zeigt das Werk durch und durch einseitig faschistisch und betet unermüdlich nach, was dem Zuschauer bis zum Überdruss bekannt ist. Kaum eine Figur wird vom Regisseur dabei sympathisch gezeigt. Die Personenführung ist sehr überzeugend wie auch plastisch und sie arbeitet auch die zwischenmenschlichen Beziehungen des hier inzestuös gezeigten Geschwisterpaares Rienzi und Irene und des unter großen Gewissensqualen leidenden Adriano gekonnt heraus. Die Auftritte des Chores enden meist in bildhaften Arrangements bis zur Unbeweglichkeit.

Voller Energie erlebt man Torsten Kerl als deutlich deklamierenden, vitalen Titelhelden mit geschmeidigem Heldentenor, der über mühelose Höhen verfügt. Das berühmte Gebet des Rienzi hat man allerdings schon inniger und raffinierter gehört. Camilla Nylunds Sopran als Irene im Dirndl mit Haarkranz ist sehr flexibel und ebenfalls höhensicher. Mit stimmlicher Eleganz, tiefen Gefühlen und ihre Qualen intensiv und glühend darstellend kann Kate Aldrich in der Hosenrolle des Adriano Colanna faszinieren. Sie bekommt auch den größten Schlussapplaus. Als dessen Vater ist Ante Jerkunica als ein in der Tiefe sehr profunder Stefano Colonna zu erleben. Krzysztof Szumanski als Paolo Orsini ist sehr markig zu vernehmen. Der Chor des Hauses, der von William Spaulding sehr sorgfältig einstudiert wurde, singt machtvoll wie auch sehr homogen und wurde auch zu Recht stark bejubelt.

Energiegeladen, teils im zu vollen Fortissimo, elastisch und souverän erweist sich Sebastian Lang-Lessing am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin, der großen Wert auf Transparenz dieser noch der Grand Operá geschuldeten Partitur legt.

Die Videoregie von Johannes Grebert ist immer konzentriert auf den Puls des Geschehens. Der Ton ist von hoher Brillanz und lässt bei der Dynamik immer den Stimmen vor dem Orchester den Vortritt. Da nicht von allen wortdeutlich gesungen wird, hätten Untertitel dem Ganzen gutgetan.

Das Publikum applaudiert uneingeschränkt stark.

Dr. Helmut Christian Mayer

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