Verdis "Otello" an der Wiener Staatsoper: Sternstunden schauen anders aus

Xl_otello-wien-6-19-3

Eigentlich wollte man die bisherige, von Publikum und Kritik eher ungeliebte Inszenierung von Christine Mielitz aus 2006 von Giuseppe Verdis „Otello an der Wiener Staatsoper durch eine neue ersetzen. Adrian Noble wurde damit beauftragt. Nur fragt man sich jetzt, ob der Brite dafür auch die richtige Wahl war. Denn seine Konzeption wirkt in die Regiehistorie weit zurück. So hätte man Verdis Meisterwerk auch schon vor 40 Jahren inszenieren können. Und sie wirkt jetzt schon bei der Premiere irgendwie alt und fast verstaubt.

Wenn auch das Schlussbild mit den Unmengen von Kerzen, den sanften Lichtstimmungen und dem einnehmenden Bett auch für ein gewisses Maß an stimmigen Emotionen sorgt, so wirkt der Rest der Ausstattung mit der optischen Dominanz der beiden kahlen Wände und der beiden beweglichen, kupferfarbigen Säulen (Bühne: Dick Bird) eher desillusionierend. Dieses abstrakt-monochrome Ambiente hätte man noch irgendwie akzeptieren können, wenn es mit entsprechendem Leben erfüllt worden wäre. Dies ist aber nicht der Fall. Zudem verlegt der Regisseur die Geschichte aus unerfindlichen Gründen in entsprechenden altväterischen Kostümen noch vom 15. Jahrhundert in den Anfang des 20. Jahrhundert. Ein Grund dafür erschließt sich nicht. Eine Neudeutung sucht man ebenso vergebens. Und so beobachten gleich zu Beginn Frauen mit schwarzen Häubchen und Männer in Gehröcken und Zylindern den Sturm und den Kampf des Schiffes an der Küste. Aber auch alles weitere wirkt irgendwie sehr konventionell, bleiern. Und das Schlimmste: Es packt einfach viel zu wenig.

Auch sängerisch ist man diesmal nicht absolut glücklich: So wirkt der Titelheld mit dem Letten Aleksandrs Antonenko anfänglich doch unsicher und mit angestrengten Höhen und eindimensional. Er steigert sich aber dann doch zu soliden, strahlenderen Höhen und kraftvollem, teils etwas grobem Gesang und ebensolchem Spiel.

Eine Enttäuschung und eine Fehlbesetzung für die Rolle des Jago ist der Weißrusse Vladislav Sulimsky. Seine zugegeben schöne aber kleine Stimme klingt wie jene eines Kavaliersbaritons. Es fehlt ihm an Nuancen, Volumen, Kraft und vor allem an Dämonie. Vor diesem Jago fürchtet sich niemand. Ohne spannungsvolle Wirkung erklingt so auch sein berühmtes „Credo“

Die ukrainische Sopranistin Olga Bezsmertna dagegen wird ihrer zugedachten Rolle, nämlich die Lichtgestalt zu sein, ziemlich gerecht. Sie zeigt ihre reine Unschuld mit innigen Pianotönen und zarten, gefühlvollen Phrasierungen und sehr hohem lyrischem Niveau. Besonders das von Todesahnungen gezeichnete „Ave Maria“ wird durch wunderbare, kaum mehr hörbare Tönen zum Ereignis. Auch Jinxu Xiahou als Cassio gefällt mit seinem hellem, lyrischen Tenor, nur wirkt seine Interpretation recht schablonenhaft. Von den anderen kleineren Partien, die alle sehr ordentlich besetzt sind, gefallen noch besonders Margerita Gritskova als Emilia und Leonardo Navarro als Roderigo. Extra sei noch der stimmgewaltig und homogen singende Staatsopernchor erwähnt.

Myung-Whun Chungam Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper liebt es einerseits laut und knallig. Er entfesselt die dramatischen Ausbrüche geradezu und baut enorme Spannungsbögen auf. Er agiert aber auch mit großer Detailverliebtheit und auch mit sanften Lyrismen.

Fazit: Alles in allem, ein durchaus brauchbares Repertoiretheater, Sternstunden schauen anders aus.

 

Dr. Helmut Christian Mayer

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading