Verdis "Ernani" in Palermo: Packende Racheschwüre und ein Fest der Stimmen

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Ganze 22 Jahre lang stand Giuseppe Verdis „Ernani“ nicht am Spielplan des Teatro Massimo in Palermo. Jetzt kam das vierteilige Operndrama nach einem Libretto von Francesco Maria Piave, inspiriert von dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo (Uraufführung: 1844 am Teatro la Fenice in Venedig) in semi-szenischer Form hier auf die Bühne und wurde ohne Publikum live gestreamt. Gewidmet wurde die Produktion vom Opernhaus dem unvergessenen Palermo-Tenor Vincenzo La Scola, der 1999 in dieser Rolle am Theater an der Piazza Verdi debütierte und vor zehn Jahren überraschend und erst 53 Jahre alt verstarb.

Die komplexe Handlung des Werkes erzählt die erwiderte Leidenschaft von Ernani, dem Banditen, hinter dem sich der edle Don Giovanni von Aragon verbirgt, für die junge Elvira. Diese ist aber mit ihrem alten Onkel Don Ruy Gomez de Silva verlobt und wird gleichzeitig auch vom König Don Carlo, dem zukünftigen Kaiser, geliebt. Wie in jedem Drama wird das Spiel von Eifersüchteleien, Ehrenkodizes, unerbittlichen Verschwörungen und Rachefällen dominiert, die das erwartete Happy End unmöglich machen.

„Auf die Bühne gekommen“ ist in diesem Fall nicht ganz richtig formuliert, denn die Spielfläche ist vielmehr das von Theaterstühlen leergeräumte Parkett. Auf diesem sitzt teils auch noch das Orchester in weiten Abständen, während der Chor des Hauses (sorgfältige Einstudierung: Ciro Visco) aus den Logen sehr machtvoll und nicht nur eindrucksvoll singt, sondern auch optisch so wirkt. Denn bei den jeweiligen Auftritten werden die Logen von innen her beleuchtet und von außen mit farbigen Projektionen geschmückt. Vor jeder neuen Szene werden bezugnehmende, historische Stiche oder Zeichnungen eingeblendet. Am Parkett wird überwiegend gesungen und weniger agiert aber eine logische und nachvollziehbare Interaktion zwischen den Protagonisten findet unter Anleitung von Ludovico Rajata statt. Diese agieren in besonders prächtigen historischen Kostümen, die von Francesco Zito stammen. Er hat diese bereits vor 22 Jahren als prächtiges Set-Up für die damalige „Ernani“ Produktion entworfen und sie wurden jetzt von ihm und einigen Mitarbeitern inklusive einiger weiterer Projektionen an die Bedürfnisse der halbszenischen Form und der für die Fernsehübertragung konzipierten Inszenierung angepasst.

Und wie hier gesungen wird! Denn die Stimmen bei Verdis früher Oper faszinieren ausnahmslos, auch bei vielen packenden Ensembles: Allen voran Michele Pertusi, ein Grandseigneur unter den Bässen, als finsterer - unerbittlicher Don Ruy Gomez de Silva, Grande di Spagna,mit enormer Bühnenpräsenz und intensivem Ausdruck. Simone Piazzola ist ein ungemein nobel und weich timbrierter König von Spanien, Don Carlo, der allerdings nur in der Höhe teilweise etwas nasal klingt. Giorgio Berrugi punktet als Titelheld, der an den heute eher grotesk als heroisch anmutenden Ehreschwur gebunden ist, reich an Farben, mit müheloser Höhe und viel Schmelz. Über eine ungemein flexible Stimme mit saubersten Koloraturen, großer Innigkeit und feinsten Piani verfügt Eleonora Buratto als Elvira.

Beeindruckend wirkt auch das Orchester des Teatro Massimo unter Omer Meir Wellber, das mit viel dramatischem Zupack und Feuer musiziert. Die Musiker glänzen bei den gewaltigen dynamischen Steigerungen und heftigen Staccato-Attacken wie auch bei feiner Poesie und mediterranem Klangzauber. Und wiewohl die Sänger und der Chor alle im Rücken des Maestros agieren, kommt es zu keinen nennenswerten Verständigungsproblemen. Komplettiert wird die gute Besetzung durch Irene Savignano (Giovanna), Carlo Bosi (Don Riccardo) und Andrea Pellegrini (Jago), dem jungen Gewinner einesPreises,den das Teatro Massimo bei der 58. Ausgabe des Tenor-Vias Preises, einer der wichtigsten Opernwettbewerbe auf europäischer Ebene.

Für die Streaming-Regie, auch mit vielen Nahaufnahmen, zeichnet Antonio Di Giovanni verantwortlich. Nur manchmal werden auf der Szene die Kameramänner sichtbar. In der Pause gibt es informative Interviews mit den Sängern, dem Dirigenten und dem Kostümbildner.

Dr. Helmut Christian Mayer

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