Uraufführung von Salvatore Sciarrinos neuer Oper in Klagenfurt: Blutige, nachtschwarze Tragödie,

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Ein lang gezogener Ton schwillt an und mündet in einer schnellen Abwärtsfiguration. Die kurze Figur schwebt zwischen Singen, Sprechen und Stille. Diese „gleitende Silbenartikulationen“ („sillabazione scivolata“), sind sein Markenzeichen und die Basis seines Gesangsstils. Die Musik ist assoziativ, fragmentarisch und in kurze Einheiten, Figuren, unterteilt. Im Mittelpunkt der Musik steht der Gesang. Sciarrinos Vokalstil basiert auf dieser zweiteiligen Figur, die der Komponist je nach Ausdruck und Charakter variiert. Ob Flüstern oder langgezogene Seufzer, beinahe jeder Laut der Sänger lässt sich auf diese kurze Figur zurückführen und ist minutiös ausgearbeitet. Sciarrino schuf damit einen hohen Wiedererkennungswert seiner Musik. Aber auch sonst reizt Salvatore Sciarrino in der Partitur seiner neuen Oper „Il canto s’attrista, perché?“ sämtliche Möglichkeiten der Klangerzeugung aus: Flageolett-Töne der Streicher, Anblasgeräusche der Holzbläser aber auch bloße Geräusche erzeugen eine starke Atmosphäre und ein gewaltiges Spannungspotenzial und treffen auf klassische Tongebungsverfahren der früheren Jahrhunderte. Jeder Klang, jedes Geräusch ist Musik. Und der Zuhörer wird in ihren Bann gezogen, Sciarrino ist genuiner Musikdramatiker, sein Wunsch ist nichts Geringeres als die Revolutionierung des Musiktheaters, aber nimmt seinen Bühnenfiguren die Individualität: Hochemotionale aber zeitlose Archetypen bevölkern seine Opern. Bearbeitungen alter, schon existenter Musik gibt es in fast allen seinen Opernwerken. Sciarrino scheut die Tradition nicht. Den Kontrast von Innen- und Außenwelt gibt es nicht. Vielleicht kann dies alles die erstaunliche Sogwirkung beschreiben, die auch von dieser Oper ausgeht. Und bald ist man im Sog der Musik gefangen. Vor allem, wenn sie so ambitioniert und bravourös umgesetzt wird, wie vom Kärntner Sinfonieorchester unter dem sachkundigen, umsichtigen und präzise agierenden Dirigenten Tim Andersen. Die Musiker haben sich die Idiomatik Sciarrinos bewundernswert angeeignet. Es fällt auch auf, dass Sciarrinos neues Musiktheater beim ersten Hören opernhafter, griffiger, überschaubarer, direkter wirkt als etwa sein vielgespieltes Meisterwerk "Luci mie traditrici".

In der Wahl der Stoffe, wendet sich Sciarrino meist Mythen – antiken und modernen – oder literarischen Klassikern zu. Seine Textvorlagen kürzt er radikal, selten bleiben ganze Sätze übrig. Eigentlich ist die Handlung des neuen Werks das „missing link“ zwischen Christoph Willibald Glucks „Iphigenie“ und Richard Strauss „Elektra“. Sein selbst geschriebenes Libretto schöpft aus „Agamemnon“, dem ersten Teil der „Orestie“, von Aischylos. Im Zentrum der Handlung des Atriden Dramas steht die furchtbare Rache Klytämnestras an Agamemnon, die ihrem Gatten weder die Opferung ihrer Tochter Iphigenie noch den Ehebruch verzeihen kann und diesen schließlich ermordet. Sciarrino schuf aus dem Kosmos der "Orestie" des Aischylos sieben symmetrisch angeordnete, vom Prolog des Wächters und einem Chorsatz als Epilog gerahmte Szenen. Sie folgen zwar lose einem Handlungsfaden: Das Warten auf den siegreichen trojanischen Helden Agamemnon, seine Rückkehr mit der Gefangenen und Geliebten Kassandra, die blutige Rache seiner Gattin Klytämnestra. "Der Gesang wird traurig, warum?": Die Frage im Titel dieses neuesten Bühnenwerks eines der wichtigsten, wegweisenden Komponisten der Gegenwart, ist so dringlich wie aktuell.

Die Uraufführung der neuen Oper des italienischen Tonschöpfers, der zu den am meisten aufgeführten Komponisten der Gegenwart zählt, musste Pandemie-bedingt um ein Jahr verschoben werden. Aber auch jetzt konnte des Kompositionsauftrags des Stadttheaters Klagenfurt in Kooperation mit der Oper Wuppertal, nur ohne Publikum und nur vor einigen Medienvertretern uraufgeführt werden. Dabei auch der Landeshauptmann von Kärnten Peter Kaiser, der als Kulturreferent den Künstlern Dank aus- und Mut zusprach.

Höchste Anforderungen werden vom Sängerensemble verlangt, das alle, auch die diffizilsten Passagen mit Bravour und Sicherheit bewältigt: Rinnat Moriah ist eine Kassandra, die schwerelos gesangartistisch bis in höchste Höhen vorstößt. Iris van Wijnen ist eine exzessive Klytämnestra mit dunkler Kraft, die nach dem Mord mit riesigen, blutverschmierten Händen erscheint. Otto Katzameier ist ein schon Sciarrino-erprobter, stimmgewaltiger Agamemnon, der bezeichnenderweise gleich mit einer schwarzen Leichenkutsche ankommt. Tobias Hechler als tragikkomischer Wärter hört man mit geschmeidigem Countertenor. Davide Gianregorio und der Chor des Hauses (Einstudierung: Günter Wallner) aus dem Off vervollständigen die tolle Ensembleleistung.

Die Musik braucht aber unbedingt auch die Szenerie. Wie in einem Horrorfilm im Gothic Stil lässt Nigel Lowery, der auch für die düstere Ausstattung verantwortlich zeichnet, die Handlung ablaufen: Mit einem sich drehenden, in schwarzes Plastik verpackten Haus, das sich erst zum Schluss entblättert, wird die Tragödie nachtschwarz, albtraumhaft erzählt. Erwachsene wie auch Kinder bilden den das Volk interpretierenden kleinen Bewegungschor, teils mit pittoresken Schrumpfköpfen. In Videoeinspielungen, vor allem zum Finale (Thilo David Heins) bekommt man schreckliche Einblicke in das schäbige, blutverschmierte Innere der Räume von Agamemnons Palast und der dort passierenden Bluttaten. Der Blick ist frei auf ein Schlachthaus: Ein vor Blut dampfendes Szenario des Untergangs, zum Schlusschor, der seine ausführliche, vielleicht etwas zu langatmige Klage über die Illusion des Glücks mit dem knappen Ausruf „Schmerz und Erbarmen“ beendet.

Nächste Saison ist die Produktion in der Oper Wuppertal zusehen.

Dr. Helmut Christian Mayer

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