"Tschaikowskis "Die Jungfrau von Orléans" am Theater an der Wien: Pubertierendes Verwirrspiel

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Da sucht doch tatsächlich schon bei der Ouvertüre ihr Papa in der Küche sein schnelles Glück zwischen den Beinen einer unbekannten Frau. Aber die beiden werden von der Tochter, es ist Johanna, einem trotzigen Teenager mit zerschlissenen Jeans und Kapuzensweater gestört. Trotz dieser unangenehmen Situation legt ihr der Vater eine baldige Verehelichung mit einem biederen, von ihm ausgesuchten Mann nahe. Das führt zu gewaltigem Stunk und einem heftigen Hin- und Hergeschupfe. Johanna lässt Vater und Bräutigam abblitzen und verlässt letztlich wutentbrannt mit Tarnrucksack die väterliche Wohnung.

Von Lotte de Beer, die hier am Theater an der Wien schon 2014 Bizets „Perlenfischer“ als TV-Dschungelcamp recht exzentrisch inszeniert hatte, hat man aber eigentlich nichts anderes erwartet. Die niederländische Regisseurin lässt die auf Friedrich Schiller basierende Geschichte der „Jungfrau von Orléans“ von Peter Iljitsch Tschaikowski (aus 1881) im Heute und als pubertierende Fantasie eines aufmüpfigen Teenager spielen, der sich als Johanna in diese Lebensgeschichte der französischen Gotteskriegerin des 15. Jahrhunderts hineinträumt. Viel Nebel und andere Effekte befeuern die imaginierte Sphäre. Auch ein Luftkampf in schwindliger Höhe zwischen ihr und ihrem später geliebten Lionel (Choreographie: Ran Arthur Braun) schafft Effekt. In ihrem Kinderzimmer (Ausstattung: Clement und Sanou) hängen auch Poster von Madonna und den Pussy Riots, die auch später personifiziert mit vielen anderen historischen Figuren wie Marlene Dietrich, Margaret Thatcher und den Suffragetten, die mit schwingenden Fahnen für das Frauenwahlrecht werben, auftreten. Insgesamt aber wirkt diese Konzeption sehr aufgesetzt, wenig schlüssig und wird von der historisch geprägten Geschichte regelrecht erdrückt. Vor allem wenn etwa schwerbewaffnete und gepanzerte Ritter während Johannas  Liebesnacht mit Lionel ins Kinderzimmer torkeln, wirkt dies sogar unfreiwillig komisch und erinnert an den Fantasyfilm „Time Bandits“ aus 1981. Und wenn dann nach ihrer Entjungferung riesige Stoffbahnen mit Unmengen von Blutflecken aufgezogen werden, ist das nur noch plakativ und überzogen. Die eigentliche, historische Geschichte der Jean d’Arc wirkt bei Lotte de Beer letztlich nur noch wie ein Störfaktor.

Während „Eugen Onegin“ und „Pique Dame“ zum Opernkernrepertoire zählen haben sich die anderen Opern von Tschaikowski außerhalb von Russland nie wirklich durchgesetzt. Diesmal entschädigt auch die musikalische Seite nur teilweise, denn Oksana Lyniv am Pult der Wiener Symphoniker präsentiert sehr energisch eine sehr kompakte, teils sehr laute Wiedergabe der Partitur, die durchaus viele hörenswerte Momente aufweist. Leider kommen dabei Sensibilität, Feinschliff und Balance zwischen den Instrumentengruppen etwas zu kurz.

Ohne Fehl und Tadel glänzen nur die Stimmen von Daniel Schmutzhard als Dunois und wiederum jene des machtvollen und kraftvollen Arnold Schoenberg Chores (Leitung: Erwin Ortner), dem auch schauspielerisch viel abverlangt wird, als einzige. Darstellerisch etwas verloren wirkt Lena Belkina in der Titelpartie. Auch sängerisch fehlt es ihr, obwohl sie über einen schönen Mezzosopran verfügt, an Durchschlagskraft. Sie vermag der Johanna zu wenig Pathos zu verleihen, um auch ihre Seelennöte glaubhaft zu machen. Ihren harten, patriarchalischen Vater zeichnet Sir Willard White, der sie auch später der Hexerei anklagt und damit dem Scheiterhaufen preisgibt, fallweise mit donnernder Stimme. Hier lässt sich noch der einstige Wotan-Darsteller erkennen. Dmitry Golovnin als neurotisch gezeigter König Karl VII. gefällt mit detaillierter Artikulation. Martin Winkler karikiert den Erzbischof von Reims mehr als er ihn singt. Kristján Jóhannesson als Geliebter Lionel hat einen mächtigen Bariton, der jedoch von Pianissimi-Passagen wenig hält. Unauffällig sind der Verlobte von Johanna Raymond Very und Simona Mihai als Agnès Sorel, Gespielin des Königs.

Das Publikum reagiert mit heftigem aber kurzen Applaus!

Dr. Helmut Christian Mayer

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