Trojahns "Orest" an der Wiener Staatsoper: Beklemmende, antike Mythologie

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„War nicht Hoffnung einst in dieser Welt? Hoffnung auf das Ende allen Mordens…auf das Ende aller Schuld“, fragt Orest seine Schwester Elektra, worauf diese antwortet: „Von welcher Schuld sprichst du, Bruder? Der auf der Seite des Rechtes steht, kann kein Schuldiger sein!“:  Das sind die Schlüsselworte aus der Oper Orest von Manfred Trojahn, der nicht die Musik komponiert, sondern auch das Libretto verfasst hat. Denn es geht in diesem Musikdrama um Schuld und Sühne, um Tat und Rache. Es behandelt ein Jahrtausend altes, düsteres Kapitel der griechischen Mythologie: Der von Schuld des Muttermordes an Klytämnestra getriebene Orest ist ein schwacher Charakter. Er hört halbwahnsinnig Stimmen und wird von seiner dominanten Schwester Elektra zu einem weiteren Mord an Helena angestiftet. Seine Wandlung erfolgt erst, als Hermione, die er auch auf Geheiß seiner Schwester umbringen sollte, die Zauberworte spricht: „Orest, sieh mich an“. Und er stellt sich seiner Schuld.

2011 in Amsterdam uraufgeführt und kurz darauf als „Uraufführung des Jahres“ ausgezeichnet, erlebt das 80-minütige Werk nach seiner österreichischen Erstaufführung im Museumsquartier bei der Neuen Oper Wien 2014 nun seine erste Aufführung an der Wiener Staatsoper und insgesamt als fünfte neue Produktion dieses Werks.

In seinem typischen grau-blauen Look und geprägt von Minimalismus erzählt Marco Arturo Marelli, der wie immer auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, diese düstere Geschichte ohne Verdrehung sehr naturalistisch und durchaus auch packend in einem Einheitsbild. Es ist eine Art verschlungener Bunker mit Türen, die sich immer wieder öffnen und schließen und wo der Muttergeist hereinschwebt, wohl eine Metapher auf eine verwahrloste Zwischenwelt der Hoffnungslosigkeit, sehr naturalistisch. Der Gott schwebt in einer Schaukel von oben herab. Diese beschert Helena später ihre Himmelfahrt.

Dem Ensemble selbst wird darstellerisch und stimmlich bis in höchste Höhen und zu extremen Intervallen gefordert. Es wird ihm alles abverlangt: Thomas Johannes Mayer ist ein intensiver Orest, ein von Schuldgefühlen, Zwängen und Ängsten drangsalierter Mensch, der aber im Laufe des Abends etwas von seiner Anfangsintensität einbüßt. Evelyn Herlitzius ist eine ausdruckstarke, rasende Elektra mit enormer vokaler Präsenz. Laura Aikin wirkt optisch wie eine Karikatur von Marylin Monroe, singt aber eine sehr feine Helena und gibt der Rolle Tiefe. Audrey Luna singt ihre Tochter, die Hermione in einer Art Horrorfilmversion und trifft selbst die höchsten, von ihr abverlangten Töne. Daniel Johansson ist ein idealer Apollon/Dionysos wie auch Thomas Ebenstein als Menelaos. Der Wiener Staatsopernchor singt tadellos und nuancenreich.

Trojahns Musik, komponiert für ein reichhaltiges Orchester etwa mit dreifach besetztem Holz, zwei Harfen, ist nicht illustrativ geführt, sondern als genialer Subtext, der die Emotionen und die Sänger verstärkt. Sie ist sehr expressiv, knapp und verdichtet, sehr emotional, jede Figur genau charakterisierend, etwa eruptiv bei Elektra, fallweise beinahe leitmotivisch, grollend aber durchaus auch mit Kantilenen und Melismen ausgestattet. Insgesamt ist sie an Richards Strauss „Elektra“ und „Salome“ angelehnt, fein aufgefächert und wird vom exzellenten Orchester der Wiener Staatsoper unter Michael Boder sehr reich differenziert und spannend musiziert.

Viel Beifall!

Dr. Helmut Christian Mayer

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