© Matthias Baus
Immer wieder flackern die beiden Luster im dunklen, antiken, bourgeoisen Salon, der vollgestopft mit Büchern wie eine Bibliothek aussieht. Ein junges Mädchen in weißer, altmodischer Unterwäsche läuft verängstigt herein und versteckt sich gleich unter dem großen Tisch. Es ist Senta, die bald darauf ein großes Buch vom Regal herunterholt und darin mit einem Kerzenleuchter in der Hand eifrig zu lesen beginnt. Der Foliant beinhaltet die Geschichte vom „Fliegenden Holländer“, in die sie sich träumend hineinziehen lässt, sodass dessen Geschichte dann nicht real, sondern nur in ihrer Fantasie abläuft.
Das ist die Konzeption von Philipp Stölzl, dessen Inszenierung (er ist auch hauptsächlich für das Bühnenbild verantwortlich) bereits erstmalig 2009 in Basel und dann an der Berliner Lindenoper erfolgreich gezeigt wurde und jetzt auch am Theater an der Wien reüssiert. Und so sieht man Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ stets aus der Sicht Sentas meist auf zwei Ebenen. Denn bald öffnet sich das riesige Wandgemälde mit dem stürmischen Meer á la Caspar David Friedrich und lässt in grauen, dunklen Farben den Plot stattfinden, wobei das schaurige, mit Algen und Gerippen bewachsene Schiff des Holländers unter Nebelschwaden sich eindrucksvoll in den Salon bohrt. Die Hauptfiguren in historisierenden, von Ursula Kudrna liebevoll gestalteten Kostümen sind teilweise gedoubelt. Die omnipräsente Senta muss auch von der strengen, stets den Rohrstock schwingenden Gouvernante in ein Korsett zwängen lassen, wenn sie aus ihrem Rollenbild auszubrechen droht. Gespinnt wird nicht, dafür geputzt. Wenngleich auch einige Szenen nicht ganz nachvollziehbar sind – wenn etwa der Holländer als Double als alter Mann im Salon in altmodischer Kleidung rauchend und bald schlafend am Sofa sitzt oder das Erscheinen der wie Zombies oder Figuren aus dem Film „Pirates of Carribean“ ausstaffierten Holländermannschaft mit den Daland Leuten in ein Gemetzel ausartet - so sind Stölzls Regieideen doch sehr schlüssig und vor allem sehr ausgefeilt sowie detailliert in der Personenführung. Zum Finale begeht die „wirkliche“ Senta Selbstmord, während die herbeifantasierte mit dem erlösten Holländer in der zweiten Ebene erlöst davonsegelt.
Das Ensemble dieser pausenlosen gut zwei pausenlosen Opernstunden glänzt nicht nur durch Spielfreude, sondern auch mit vokaler Klasse: Jordan Shanahan, dessen rechte Hand wie bei „Captain Hook“ durch einen Metallhaken ersetzt ist, singt den Holländer mit mächtiger, schwarzer Stimme und verfügt über große Textverständlichkeit und ein angstmachendes, gebieterisches, bühnenpräsentes Auftreten. Ambur Braid bringt die Sehnsüchte der traumatisierten Sentas mit hochdramatischem Sopran und flirrendem Vibrato zum Klingen, allerdings im Lyrischem mit kleinen Intonationstrübungen. Wilhelm Schwinghammer führt als Daland einen feinen Bass ins Treffen. Und der Erik von Cameron Becker imponiert nicht nur in der Höhe, sondern auch mit großer Emotionalität. James Ley als Steuermann verfügt über schönen Schmelz. Solide singt Ieva Prudnikovaité die Mary. Exzellent und homogen sowie extrem spielfreudig ist auch wieder der Arnold Schönberg-Chor als Mannschaft zu vernehmen.
Dirigent Robert Jindra stachelt die Wiener Symphoniker zu einer starken, leider manchmal zu laustarken Leistung an. Es fehlt auch etwas an differenziertem Feinschliff und manches klingt zu grob. Auch haben sich besonders am Beginn bei den Blechbläsern einige Unsauberkeiten bei den Einsätzen eingeschlichen.
Stehende Ovationen!
Dr. Helmut Christian Mayer
21. Oktober 2026 | Drucken

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