"The Tempest" von Thomas Adès im Stream der Wiener Staatsoper: Magisches, zeitgenössisches Unterhaltungstheater

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Wahrscheinlich ist The Tempest von Thomas Adès (Libretto: Meredith Oakes) eine der erfolgreichsten „modernen“ Opern der letzten Jahre. Denn nicht nur die Uraufführung der zweiten Oper des britischen Komponisten 2004 in London Covent Garden war beim Publikum ein großer Erfolg, sondern auch die späteren Aufführungen in mehreren Städten noch dazu in so erstaunlich kurzer Zeit. Jetzt konnte man die Aufführung des Werkes vom Juni 2015 im Stream der Wiener Staatsoper wiedererleben.

Der Erfolg basiert aber auch an der einnehmenden, detail- und ideenreichen Regie von Robert Lepage und Ex Machina, einer innovativen, multidisziplinären Kompanie, mit denen der kanadische Regisseur viel und weltweit erfolgreich zusammenarbeitet, die sich gemeinsam reichlich in der theatralischen Trickkiste bedienen und die auch schon in Québéc und New York gefiel. So wird auf der Insel des Prospero, die Mailänder Scala nachgestellt. Das Bühnenbild (Jasmine Catudal) zeigt das renommierte italienische Opernhaus in verschiedensten Perspektiven: Einmal von der Bühne in den Zuschauerraum, einmal genau umgekehrt und im letzten Akt als Querschnitt. Dadurch verschwimmen die Ebenen: Alle Personen sind zugleich Opfer von Prosperos Zerstörungswut aber auch Zuseher einer faszinierenden Theaterwelt. Was die Produktion aber außergewöhnlich werden lässt sind die aufwändige Üppigkeit, die magischen und poesievollen Bilder und die feine Sinnlichkeit, mit denen Lepage verzaubert: Gleich zu Beginn dreht sich zum aufziehenden Sturm ein riesiger Kronleuchter, in dem Ariel in immer durchchoreographierten, artistischen Posen hängt. Ein riesiges, stark wallendes Tuch wird in Windeseile über die Vorderbühne gezogen, reißt das kleine Holzschiffchen weg und symbolisiert den heftigen Sturm. Aus dem sich aufblähenden Stoff tauchen immer wieder die mit den Wellen kämpfenden Passagiere auf.

Es sind immer wieder die ganz besonderen Auftritte dieses Luftgeistes, die beeindrucken: Mehrmals von einer Brücke, eine Art Schnürboden der Scala, wo er am Geländer herumbalanciert, einmal von fast unsichtbaren, schwarzen Händen aus der Versenkung der Hinterbühne emporgehoben, dann wieder wie als ein schwebendes, furchterregendes Mittelding von Raubvogel und Spinne und immer ganz in Silber kostümiert und geschminkt. Apropos Kostüme, diese sind ungemein fantasievoll und ästhetisch und stammen von Kym Barrett. Das einzige woran am diesem zeitgenössischen, effektvollen, bunten Unterhaltungstheater herummäkeln könnte, hin und wieder wird mehr auf Ausstattung denn auf eigentlicher Personenführung Wert gelegt.

Die Sänger stellt Adès vor aberwitzige Aufgaben, sowohl was Rhythmik aber auch die extreme Tessitura betrifft, die aber das Ensemble mit bewunderwürdiger Souveränität löst: Man kann es nicht glauben, dass man solche Höhen und solche extreme Intervalle überhaupt bzw. sauber singen kann, die Adès für den Luftgeist Ariel erdacht hat. Aber Audrey Luna ist nicht nur schwindelfrei und kann sich nicht nur vollendet wie eine Tänzerin bewegen, sondern auch zwitschern und tirilieren wie ein Vogel und die stratosphärischen Koloraturkaskaden mit phänomenaler Bravour erklimmen. Adrian Eröd singt den Prospero mit edlen, eleganten und warmen Tönen und muss das Baritonregister auch völlig ausreizen. Thomas Ebenstein gibt den wie ein borstiges Fantasietier ausgestatteten, bösen und intrigantischen Caliban, der mit seinem Tenor auch in ungeahnte Höhen vorstoßen kann. Als Tochter des Prospero Miranda ist die im Spiel leicht überzeichnende Stephanie Houtzeel zu erleben, die aber mit wunderbar sanften Bögen und feiner Phrasierungen singt. Ihren Geliebter Ferdinand singt Pavel Kolgatin mit schönem, aber etwas zu kleinem Tenor. Als seinen Vater, den König singt Herbert Lippert einen gefühlvollen Trauergesang und wirkt etwas angestrengt. Den bösen Bruder von Prospero Antonio, singt Jason Bridges etwas blass. Sorin Coliban ist ein stimmgewaltiger, gütiger Diener Gonzalo. David Pershall ist ein solider Sebastian, Dan Paul Dimitrescu ein, gemeinsam mit David Daniels seinem Saufkumpanen Trinculo, ständig betrunkener aber gut singender Stefano. Der Chor der Wiener Staatsoper (Thomas Lang) singt sehr homogen.

Der geschickte Musikhandwerker Adés bedient sich bei der brillanten Instrumentierung in der gesamten Palette der Operngeschichte.  Man erlebt Anlehnungen an barocke Formenwelten bis hin zu grellen Dissonanzen. Er mischt Farben und Stile nach Belieben bis zu schillernder Polystilistik. Und er hat auch Theaterinstinkt. Er kann aber auch zarte, behutsam skizzierte Passagen von zerbrechlichen Seelen erzeugen, wie etwa bei der aufflammenden Liebe von Miranda und Ferdinand. Dazwischen gibt es aber auch einfache Untermalungsmusik, die auch ins Geräuschhafte abschweift. Wie schon bei anderen Aufführungen steht Thomas Adès selbst am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper, die dies alles mit Bravour, Sensibilität und großer Differenziertheit erklingen lassen.

Großer Jubel des Publikums vor allem für Prospero und Ariel, Orchester und den dirigierenden Komponisten!

Fazit: Bestes zeitgenössisches Unterhaltungstheater, bezaubernd, effektvoll szenisch und musikalisch umgesetzt mit wahnsinnigen Anforderungen für die bravourösen Sängern

Dr. Helmut Christian Mayer

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