Schoecks "Penthesilea" in Linz: Antiker Rosenkrieg im Boxring

Xl_penthesilea-linz-4-19-1

Die Königin „Penthesilea“ darf sich nur jenem Mann hingegeben, der sie besiegt. Doch sie verliebt sich auf dem Schlachtfeld von Troja in den Helden Achill. Sie sucht gezielt den Kampf mit ihm, unterliegt aber. Nun erkennt auch Achill seine Liebe. Penthesilea verliert immer mehr den Realitätsbezug. Ausgegrenzt und immer mehr wahnsinnig werdend zieht sie erneut in den Kampf und tötet den sie liebend erwartenden und unbewaffneten Achill. Erst langsam erkennt sie ihre Tat und richtet sich selbst.

So die Geschichte der 1927 in Dresden uraufgeführten Oper von Othmar Schoeck (1886-1957). Jetzt erfolgte die österreichische, szenische Erstaufführung in Kooperation mit dem Opernhaus in Bonn, wo diese Produktion 2017 schon gezeigt und die dazu führte, dass Peter Konwitschny von der Fachzeitschrift „Opernwelt“ zum Regisseur des Jahres 2017 gewählt wurde. Dieser präsentiert diesen antiken Rosenkrieg mit seinem Ausstatter Johannes Leiacker auf einer polierten, weißen Fläche, die über den zugedeckten Orchestergraben ins Publikum hineinragt. Seitlich umgeben von weiteren Sitzreihen, in denen sich neben dem Publikum auch der Chor und einige Protagonisten mischen, wirkt diese Fläche wie ein Boxring. Auf diesem stehen nur zwei, immer wieder bespielte Klavierflügel stehen, deren Pianisten auch in das Geschehen eingebunden werden. Der Chor pendelt zwischen den Funktionen eines gespannten Zuhörers wie auch als des handelnden Volkes. Der Zuschauerraum, wie bei Konwitschny als Stilmittel üblich, wird immer wieder ins Geschehen eingebunden. So verfolgt etwa die Oberpriesterin von einem seitlichen Balkon den Liebeshändel sehr kritisch. Insgesamt entsteht dadurch eine ungemein dichte Personenführung und es gelingt dem Regisseur, eine gelungene Parabel über den ewigen Kampf der Geschlechter.

Dieses Fokussieren kann aber nur mit herausragenden Singschauspielern funktionieren: Allen voran ist Dshamilja Kaiser, die diese Rolle auch schon in Bonn gesungen hat, schlichtweg eine Wucht. Sie spielt und singt die Titelrolle mit vollem Einsatz und Intensität mit ihrem edel-weichen, kraftvollen Mezzo. Ihren Schlussgesang nach dem Suizid trägt sie wie bei einem Liederabend vor. Martin Achrainer als ihr Gegenspieler hat es gegen so eine solch präsente Titelhelden schon etwas schwer. Er lotet vor allem die untersten Regionen seines Baritons voll aus, wirkt als Held Achilles vielleicht doch etwas zu gemächlich. Exzellent in Gesang und Darstellung auch Julia Borchert als treuumsorgende Prothoe. Auch die vielen, teils sehr kleinen Rollen sind makellos besetzt, besonders stechen Vaida Raginskyte als intensive Oberpriesterin, Gotho Griesmeier als Priesterin und Matthäus Schmidlechner als bestechend präsenter Diomedes hervor. Sehr spielfreudig ist auch der Chor des Hauses, der von Elena Pierini einstudiert wurde, nicht nur wegen des Surround-Sounds.

Mit einer großen stilistischen Bandbreite hat der bei uns kaum, hingegen in seinem Heimatland Schweiz sehr populäre Othmar Schoeck dieses Werk komponiert. Hauptsächlich geprägt von der Spätromantik gibt es allerdings etwa bei den Kampfszenen durchaus auch atonale Momente. Vorherrschend sind dunklere Töne, was auch die spezielle Besetzung mit nur vier Sologeigen und sonst nur tieferen Streicher hervorruft. Des Weiteren sind allein zehn Klarinetten, zwei Klaviere und ein großes Schlagwerk vorgesehen. Man ist schwer beeindruckt, wie souverän und wie präzise all dies trotz des hinter dem Geschehen auf der eigentlichen Bühne platzierten Bruckner Orchester Linz unter Leslie Suganandarajah umgesetzt wird.

Viel Applaus!

Dr. Helmut Christian Mayer

| Drucken

Kommentare

Loading