Salzburger Festspiele: „Les Troyens“ von Hector Berlioz mit bestechender musikalischer Schönheit

Xl_troyens-salzburg-8-23-1 © Marco Borelli

„Nuit d‘ivresse - Nacht der Trunkenheit, Nacht der Verzückung“: Es ist das absolute Highlight von „Les Troyens“, dieses ergreifende, ja verzaubernde Liebesduett von Dido und Äneas, das Hector Berlioz zum Ende des 4. Aktes komponiert hat. Und es wirkt umso mehr, wenn es so innig gesungen wird, wie bei den Salzburger Festspielen im Großen Festspielhaus: Denn Paula Murrihy singt die Königin von Karthago Didon (Dido) mit vielen Fassetten, herrlicher Legatokultur ihres schlanken Mezzos. Und es ist großartig, welche Wandlung sie durchmacht, von der liebenden Frau driftet sie gekonnt immer mehr Richtung Fassungslosigkeit und Wahnsinn ab und kann im Finale, das zum Ereignis wird, mit Emotionalität, Expressivität und Bühnenpräsenz faszinieren. Michael Spyres kann als Énée (Aeneas) im Liebesduett punkten, allerdings verfügt er über ein etwas kehlig-baritonales Timbre und beim Äneas-Monolog gerät er hörbar an seine Grenzen und muss in der Höhe forcieren. Die Grand opéra nach Vergil handelt aber nicht nur von der unglücklichen Liebe Didos zu Aeneas in Karthago, sondern beschreibt auch zuvor den Untergang Trojas, der von der Seherin Cassandre (Kassandra) vorausgesagt wird. Diese wird von der robusten und stimmgewaltigen Alice Coote expressiv und bühnenpräsent verkörpert. Lionel Lhote ist ein etwas rau klingender Chorèbe. Beth Taylor ist eine dunkel timbrierte Anna, Schwester von Dido. den vielen kleineren Rollen lassen vor allem junge Stimmen aufhorchen, wie etwa Laurence Kilsby mit glockenreinem, lyrischem Tenor bei seinen beiden Arien als Iopas und Hylas. Adèle Charvet gefällt als Sohn des Äneas Ascanius. Aber auch der omnipräsente, homogene, stimmkräftige Monteverdi Choir und die beiden kraftvollen Bassisten Alex Rosen (der Schatten Hektors) und William Thomas (Narbal und Priamus) gefallen.

Letzterem wurde nach einer Vorführung letzten Dienstag in La Côte-Saint-André(Frankreich) von Sir John Eliot Gardiner eine Ohrfeige verpasst, weil er von der falschen Seite des Podiums abgegangen war, was auch medial für große Aufregung sorgte. Dafür hat er sich mittlerweile schon entschuldigt aber sein Dirigat für diese Tourneeproduktion zurückgelegt. So kommt nun sein 35-jähriger Assistent, der diese von Anfang an mitbetreut hat, zum Zug. Dinis Sousa gelingt es, das Orchestre Révolutionaire et Romantique auf historischen Instrumenten spielend zu Höchstleistungen aufzustacheln. Der portugiesische Dirigent hat alles immer souverän im Griff, spürt den Schönheiten der Partitur mit satten, atmosphärischen Klängen intensiv nach. Warmsamtig spielen die Streicher, klar und meist präzise die Bläser.

Obwohl konzertant angekündigt, wird auf der Bühne intensiv gespielt. Und das Geschehen wird auch durchaus nachvollziehbar gestaltet.

Und so wirkt dieses Schlüsselwerk der französischen Oper des 19. Jahrhunderts trotz über vierstündiger reiner Musik immer aufregend.

Stehende Ovationen!

Dr. Helmut Christian Mayer

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