Salzburg: Rossinis "Il viaggio a Reims" als völlig überdrehte Revue

Xl_il_viaggio_a_reims-c_monika_rittershaus-salzburg-5-26-2 © Monika Rittershaus

Tür auf, Tür zu, bei der einen rein, bei der anderen raus, alleine oder gemeinsam aus zwölf Zimmertüren des Hotels. Personen stürzen sich mehrfach im Kreis drehend von einer Drehtüre in die Halle. Mit starken Anleihen von George Feydeau und von unglaublicher Rasanz sind die Auftritte und Abgänge. Aber auch sonst gibt es zur Eröffnung der diesjährigen Salzburger Pfingstfestspiele bei Gioachino Rossinis „Il viaggio a Reims“ - seine erste Oper für Paris und zugleich seine letzte in italienischer Sprache - im Haus für Mozart keinen Stillstand. Dafür sorgt einmal mehr Barrie Kosky: Buchstäblich alles, jede Person, jede Geste, ja jede Note ist durchinszeniert. Da wird mit perfektem Timing kollektiv immer im Takt der Musik quer über die Bühne gehopst, da wird durchchoreographiert wild getanzt, gebrüllt, mit den Armen und den Köpfen gewippt. Da wird intrigiert, verwechselt und geliebt. Selbst bei halsbrecherischen Arien müssen teils artistische Leistungen erbracht werden, die zu erstaunlich wenigen Ungenauigkeiten führen. Zu dem wird mit Pistolen geschossen, eine Harfe, die später brennen wird, wird herumgetragen. Da gibt nur ganz selten bewusst gesetzte Pausen auch während des Gesangs.

Schrill, knallbunt sind sie Fantasiekostüme (Victoria Behr) von den exzentrisch, aufgeblasen gezeigten Edelleuten, die in der Hotelkulisse (Rufus Didwiszus) mit Foyer, Gang mit Zimmertüren, Speisezimmer mit  einem wild agierenden Tanzensemble agieren.

Die Liste der überdrehten und turbulenten Slapsticks und Ideen des Regisseurs ließe sich noch beliebig fortsetzen. Und das, obwohl die 1825 anlässlich der Krönung von Kaiser Karl X. komponierte, selten aufgeführte Oper buffa eigentlich völlig handlungsarm ist und sich auf die Schilderung einer aus halb Europa angereisten, noblen Gesellschaft beschränkt, die sich im Hotel zu „Goldenen Lilie“ in der französischen Provinz trifft. Die Weiterreise zu den Feierlichkeiten nach Reims scheitert, weil keine Pferde mehr zur Verfügung stehen. Vieles davon ist lustig, nur übertreibt Kosky maßlos und treibt das Stück als Farce zu verblödelnd mit abenteuerlicher Turbulenz auf die Spitze, wobei ihm das rechte Maß entgleitet. Zum Finale gibt es jedenfalls eine Geburtstagstorte für „Ceci“, aus der Bartoli, deren Geburtstag bald kommt, entsteigt.

Zur szenischen Rasanz trägt auch Gianluca Capuano am Pult der auf historischen Instrumenten spielenden Les Musiciens du Prince-Monaco bei, die Rossinis geniale Partitur mit federndem Rhythmus und viel spritzigem Esprit, zusätzlichen Akzenten und Zitaten aus anderen Opern zum Besten geben. Exzellent: die Soloflötistin und die Harfenistin.

14 Sänger braucht die Oper, von denen viel Kondition erwartet wird: Im Mittelpunkt die Künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele Cecilia Bartoli als glasklar singende Corinna, die ein perfektes Koloraturenfeuerwerk zündet. Marina Viotti ist eine wunderbare Contessa Melibea. Mélissa Petit begeistert als koloraturen- und extrem höhensichere Contessa di Folleville. Tara Erraught gefällt als jodelnde Madame Cortese. Wunderbar lyrisch klingt der Tenor von Edgardo Rocha als Belfiore. In schwindelnde Höhen klettern kann auch Dmitry Korchak als Conte Libenskof. Prachtvoll der Bass von Ildebando D'Arcangelo als Lord Sydney. Florian Sempey ist ein kerniger Don Profondo, Misha Kiria ein kraftvoller, sehr deutscher Barone di Trombonok. Gut auch Peter Kellner, die vielen weiteren, kleinen Rollen und der spielfreudige Chor der Oper von Monte Carlo.

Stehende Ovationen!

Dr. Helmut Christian Mayer

 

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