"Salome" in Mailand: Blutiges Geheimnis des Todes

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Die Kontrabässe grummeln in schwarzen Tiefen, immer wieder fährt ein einzelner hoher, schneidender Ton hinein: Musikalisch genial gestaltet ist dieser unerträgliche Moment, während Salome am Rand der Zisterne auf die Hinrichtung des Johanaan wartet. Dann steigert sich das Orchester zu einem langsamen, immer gewaltigeren Ausbruch, zu dessen Klimax eine Art goldene Monstranz mit Strahlen weit hinauf hochfährt, in dessen Mittelpunkt der Kopf des Johanaan fixiert ist: Ein packender Moment von Richard StraussSalome“ an der Mailänder Scala, die man jetzt live über Stream und ohne Publikum erleben kann. Diese bereits für das Jahr 2020 geplante Premiere musste Pandemie bedingt verschoben werden, was zu einer kompletten Neubesetzung fast aller Rollen führte. Bei den jetzigen Proben erlitt dann auch noch der vorgesehene Dirigent Zubin Metha einen Schwächeanfall und musste vom Chefdirigenten des Hauses Riccardo Chailly ersetzt werden.

Aber die Inszenierung von Damiano Michieletto, der erst kürzlich Janaceks „Jenufa“ höchst erfolgreich an der Berliner Staatsoper in Szene gesetzt hat, hat auch sonst viele Meriten: In einem modernen, abstrakten leeren Raum (Bühne: Paolo Fantin), symbolhaft schwarz (Seitenwände) für die Erde und weiß (Boden, Decke und Hinterwand) für Reinheit sieht man gleich zu Beginn eine schick gekleidete Partygesellschaft (Kostüme: Carla Teti) mit einem langen, elegant gedeckten Tisch dahinter. Boden und Decke können sich kreisrund öffnen. Von oben senkt sich eine schwarze Kugel, ein Auge oder der Mond, von unten wird der Prophet heraufgehievt. Er trägt ein (Opfer)Lamm und lebt in einem erdigen Haufen und ist selbst völlig verschmutzt. Immer wieder, wenn es ums Sterben geht, tauchen mehrere, herumschreitende Todesengeln mit schwarzen Flügeln auf. So etwa zum Finale oder wenn sich Narraboth, der sehr spießig bekleidet und sich immer wieder verzweifelt krümmend, mit einer Überdosis Pillen umbringt. Der italienische Regisseur bedient sich leider aber auch immer wieder altbekannten Klischees, wenn etwa ein kleines Mädchen, Salome als Kind, mit einer Puppe auftaucht oder der Kindesmissbrauch an ihr angedeutet wird. Salomes Tanz findet nicht statt, stattdessen muss sie sich gegen die Annäherungsversuche von maskierten Männern wehren. Nach der Hinrichtung wird es richtig blutig: Von dem hochgezogenen Kopf fließt auf einem Seil Blut in ein Gefäß, mit dem sich Salome einreibt.Gut gezeichnet ist das Tetrarchenpaar. Herodes als lüsternes, korpulentes Ekel, die Herodias als Albtraum einer schmuckbehängten bösartigen Gesellschaftslöwin.

Wiewohl optisch sehr hübsch und auch die trotzige Prinzessin gut verkörpernd sowie mit einem schönen Sopran ausgestattet, ist Elena Stikhina eine stimmlich zu lyrische Salome, der es bei den hochdramatischen Stellen an Durchsetzungskraft und Power fehlt. Zudem ist sie teilweise schwer verständlich. Bei den lyrischen Passagen kann sie hingegen mit fein nuancierten, einschmeichelnden Tönen punkten. Jedes Wort hingegen versteht man bei Wolfgang Koch, der einen intensiven Johanaan mit mächtigem Organ und ungeheurer Bühnenpräsenz gibt. Er wirkt wie ein fundamentalistischer Prediger, vor dem man sich Fürchten muss. Messerscharf schneidend hört man Gerhard Siegel als Herodes mit klarem, hellem Tenor. Auch das Hin- und Hergerissensein zwischen Geilheit, Eidestreue und Ekel setzt er gestalterisch effektvoll um. Ideal singt Linda Watson die Herodias. Attilio Glaser singt einen wortdeutlich, schön timbrierten Narraboth. Die vielen kleineren Rollen weisen kaum Schwachstellen auf.

Riccardo Chailly am Pult des Orchesters der Mailänder Scala vermag die gewaltigen, spannungsgeladenen Steigerungen, die immer wieder wild ausfahrende Momente und die schneidenden Klänge aus dem Graben effektvoll auffahren zu lassen. Nur teilweise recht breit in den Tempi kostet er die vielen reichen Fassetten und starken Emotionen der überwältigenden Partitur voll aus.

Dr. Helmut Christian Mayer

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