Piotr Beczala ist "Sänger des Jahres 2021" von Opus Klassik: Man beneidet mich um meine Frau

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Der polnische Startenor Piotr Beczala, der soeben von Klassik Opus zum "Sänger des Jahres 2021" gekürt wurde und  in Millstatt einen bunten Arien- und Liederabend gibt, über seine Ehe, Zukünfitge Traumrollen und das Gebot der Langsamkeit

Stimmt die Geschichte, dass Sie in jungen Jahren in Wien auf der Straße gesungen haben?

Beczala: Ich stamme aus einfachen Verhältnissen, war damals ein junger Gesangsstudent und brauchte dringend Geld. Zuerst habe ich am Bau gejobbt. Aber als ich dann bemerkte, dass ich als Straßensänger in einer Stunde mehr verdienen kann, als an einem ganzen Tag am Bau, habe ich meine Mütze hingelegt und auf der Straße so 2-3 Wochen lang gesungen. Als ich dann so richtig eingesungen war, ging ich in die Wiener Staatsoper, damals leider noch auf den Stehplatz und habe mir alle nur möglichen Aufführungen angesehen.  

Wann sind Sie dann erstmalig dort richtig auf der Bühne gestanden?

Beczala: Das war 1996, als Einspringer beim „Te Deum“ von Bruckner unter Carlo Maria Giulini, der damals auch an der Staatsoper debütierte.

Sie sind seit 29 Jahren mit ihrer Frau Katarzyna verheiratet, die selbst Sängerin ist und ihre Karriere zu ihren Gunsten aufgegeben hat…

Beczala: Wir haben uns kennengelernt, als ich 18 Jahre alt war. Ohne Kasia hätte ich die Karriere nicht geschafft. Ich verdanke ihr sehr viel. Viele beneiden mich um meine Frau. Wir sind ein tolles Team. Sie ist auch schon bei den Proben dabei und meine wichtigste und schonungsloste Kritikerin. Als sie mir zuliebe zu singen aufhörte, sagt sie zu mir: „Junge du musst jetzt für uns beide singen.“

Sie haben sich in ihrer Karriere immer Zeit gelassen…

Beczala: Obwohl die Angebote und Verlockungen groß waren, galt für mich das Gebot der Langsamkeit. Man muss stimmlich und physisch reifen denn oft ist man noch nicht bereit, an großen Häusern zu singen. Ich habe Verträge einfach nicht unterschrieben, weil es zu früh für meine Stimme war. Etwa bei der Met in New York habe ich erst im dritten Anlauf 2006 zugesagt. Viele junge Tenöre habe ich bei mir wie auf einer Autobahn vorbeiflitzen sehen, dann kam es zum Crash und sie lagen im Graben. Ich kann nur allen jungen Sängern raten: Langsamkeit zahlt sich aus!

Was würden Sie in ihrer Karriere ihre persönlichen Highlights bezeichnen?

Beczala: Das war immerdann, wenn ich ungeplant einspringen durfte, das war für mich stets sehr aufregend. So etwa als Tamino 1997 bei den Salzburger Festspielen oder 2005 in London Covent Garden oder 2006 an der Scala und an der Met.

Sie kommen gerade aus Mallorca, was ist als nächstes geplant?

Beczala: Ja, ich bin hier beim Festival aufgetreten. Geplant war diesen Sommer eigentlich eine Lohengrin-Serie in Bayreuth, was jedoch abgesagt wurde. Nach einem Symphoniekonzert in Dresden folgt im Herbst mein Debüt als Manrico (Troubadour) in Zürich. Das ist schon ein Ausflug ins Zwischenfach und ich nehme das sehr ernst.

Sie haben ein großes und breites Repertoire an Opernrollen, wie viele sind es in etwa und gibt es noch weitere Traumrollen?

Beczala: Es werden so an 50 sein. Ich mache da einen großen Spagat und singe italienisches, französisches, deutsches und slawisches Fach. Kommende Traumrollen sind für mit der Radames (Aida), Kalaf (Turandot) und Andrea Chènier. Im deutschen Fach belass ich es jetzt einmal beim Lohengrin.

Wie stehen Sie zum modernen Regietheater? Sind sie für alle extreme Regieanfälle offen?

Beczala: Das hängt immer vom Regisseur ab. Wenn er das Werk nicht auf den Kopf stellt oder komplett verfälscht, mag ich auch moderne Inszenierungen. Ich habe im Frühjahr den Don José (Carmen) in der Regie von Calixto Bieito an der Wiener Staatsoper gesungen, die fand ich sehr gelungen. In den USA, wo ich bald wieder vier Monate lang sein werde, gibt es eher traditionelle Inszenierungen.

Verraten Sie uns das Programm für Millstatt?

Piotr Beczala: Es wird ein bunter Abend werden, mit Liedern von Richard Strauss, einem Operettenblock, darunter Arien aus Lehárs „Land des Lächelns“ sowie bekannten Arien aus italienischen und französischen Opern. Ich mag zwar das Lied sehr. Es ist ungemein bereichernd aber ich bin eher ein Opernsänger und liebe die Abwechslung und die Vielfalt. Ich freue mich schon drauf.

Sie werden dabei von Helmut Deutsch begleitet…

Beczala: Er ist für mich der Begleiter der Superlative. Es ist unglaublich, wie er begleiten kann und wieviel er über die Interpretation der Stücke weiß. Außerdem haben wir beide den gleichen Musikgeschmack. Gemeinsam haben wir schon eine CD mit Liedern von polnischen Komponisten aufgenommen.

Dr. Helmut Christian Mayer

Zur Person:

Geboren in Südpolen, studierte an der Musikakademie in Katowice, wo er von der legendären Sängerin Sena Jurinac unterrichtet wurde. Erstes Engagement am Landestheater in Linz (92-97) und anschließend an der Züricher Oper. Mittlerweile zählt er zu den gefragtesten und besten Tenören unserer Zeit und singt weltweit bei allen bedeutenden Festspielen (u.a. in Salzburg, Bayreuth, Baden-Baden) und an Opernhäusern (Metropolitan New York, Mailänder Scala, Bayrische Staatsoper München, Royal Opera House Covent Garden, Barcelona, Brüssel, Zürich, Genf, Berlin, Dresden, St. Petersburg, Warschau, San Francisco u.v.m.) mit den bekanntesten Dirigenten (Muti, Thielemann, Gergiev etc.) und Sängerkollegen u.a mit befreundeten Anna Netrebko. An der Wiener Staatsoper debütierte er 1996 und sang hier bislang 100 Abende, zuletzt den Lohengrin und den Prinzen in Dvoraks „Rusalka“, am Theater an der Wien 2020 in „Halka“ von Stanislaw Moniuszko. Zahleiche CDs und DVDs. 2014 wurde er von ECHO-Klassik und 2021 von Opus Klassik zum „Sänger des Jahres“ gekürt. Spielt leidenschaftlich gern Golf, kocht gerne und besitzt einen Oldtimer.

 

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