Oper Live an der Wiener Staatsoper ohne Publikum: Massenets "Werther"

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Es ist das erste Mal seit dem Corona - bedingten Lockdown am 2.11.2020, dass an der Wiener Staatsoper wieder live Oper gespielt wurde. Jules Massenets „Werther“ wurde am letzten Donnerstag allerdings, da kein Publikum zugelassen wurde, vor leeren Rängen aufgeführt und gestreamt sowie für das TV aufgezeichnet (ORF III zeigt diese Aufführung am 10.1.2021). Lediglich einige wenige rezensierende Journalisten, natürlich alle getestet und mit Masken, ansonsten nur Theaterleute waren zugelassen. Man fragt sich immer mehr, warum der Klassikfreund, nicht in die Oper oder ins Konzert gehen darf, obwohl trotz ausgeklügelter Sicherheitskonzepte und obwohl seit Sommer kein einziger Fall von Ansteckung im Publikum österreichweit passiert ist. Applaus war, worauf vorab hingewiesen wurde, untersagt.

Und so betritt der Dirigent Bertrand de Billy, der in der neuen Direktion von Bogdan Roscic wieder am Haus dirigiert, das Pult und verbeugt sich in absoluter, fast gespenstischer Stille. Unter seiner Leitung erlebt man im hochambitionierten Orchester der Wiener Staatsoper einen eleganten, schlanken Klang mit allen erkennbaren Strukturen und sensibler, fassettenreicher Differenziertheit. So wie er alle Phrasen auskostet, so behutsam und rücksichtsvoll geht er auch mit den Sängern um. Er atmet mit ihnen.

Und diese fühlen sich bei Ihm sichtlich wohl und singen genauso: Immerhin ist kein Geringerer als Piotr Beczala als Titelheld aufgeboten, der mit viel Schmelz, lyrischer Emphase, warm leuchtendem Material und absoluter Höhensicherheit den unglücklich, berührend leidenden Verliebten Werther singt. Die bekannte Arie „Pourquoi me réveiller“gelingt ihm prachtvoll. Gaelle Arquez, die wie eine Art Grace Kelly – Verschnitt hergerichtet ist, vielleicht optisch nicht mehr wie ein junges Mädchen wirkend und etwas ungelenk spielend, singt die Charlotte betörend, mit feinstem, sanften und innigen Ausdruck. Sie kann auch ihre unterschiedlichsten Gefühlsregungen, ihr Changieren zwischen Sehnsucht und Zerrissenheit bestens artikulieren. Clemens Unterreiner ist ein nobeltimbrierter, bewusst zynisch, kalt und unsympathisch gezeichneter Albert. Daniela Fally singt eine mädchenhafte, zwitschernde Sophie. Vital und fröhlich singen die Kinder der Opernschule, homogen erklingt der Chor der Wiener Staatsoper.

In der Inszenierung von Andrei Serban aus 2005 wird die Handlung mit entsprechenden Kostümen in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts verlegt. Warum wird einem eigentlich nie so richtig klar. Dominierend in dem Einheitsbühnenbild steht in der Mitte ein weit ausladender Mammutbaum, der durch seine Blätter die Jahreszeiten widerspiegelt (Ausstattung: Peter Pabst). Unter ihm und in ihm, durch einen Steg ist er begehbar, läuft das tragische Zieldrama ab. Entsprechend der Zeit ist auch das Mobiliar. Da sieht man eine Hollywoodschaukel, Plastikstühle, uralte TV - Geräte und Kinder im Badeanzug. Aber abgesehen von manchen Unnotwendigkeiten bei der Ausstattung punktet der Regisseur mit detaillierter und punktgenauer Personenführung durch die bewegende, vor allem im letzten Bild packende Momente entstehen lassen.

Dr. Helmut Christian Mayer

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