Offenbachs Rarität "König Karotte" an der Wiener Volksoper: Eine tempo- und gagreiches Feuerwerk

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Wenn man bedenkt, dass die Uraufführung 1872 in Paris zu einem der triumphalsten Erfolge von Jacques Offenbachs wurde und 193 Vorstellung in sechs Monaten auch in London und Wien folgten, dann wundert es, dass das Werk anschließend 150 Jahre in der Versenkung verschwand. Vielleicht lag es an der ursprünglichen Aufführungslänge von nahezu sechs Stunden und dem dafür notwenigen, immensen szenischen Aufwand. Jetzt gibt es jedenfalls eine erfolgreiche Revitalisierung an der Wiener Volksoper zum 200. Geburtstag des genialen Komponisten in Kooperation mit der Staatsoper Hannover, wo die „komische Zauberoper“ (Opéra-bouffe-féerie) schon gezeigt wurde. Dabei wurde „König Karotte“ auf knappe drei Stunden eingedampft bzw. gestrafft.

Diese Parabel mit auch heute noch großer Aktualität und tieferer Bedeutung von Machtmissbrauch handelt vom verschwendungssüchtigen Fridolin XXIV, Prinz von Krokodyne, den der gute Geist Robin teils unverhofft mit einer Hexe und einem Zauberer wieder auf den Pfad der Tugend bringen will. Vorübergehend wird die Macht von König Karotte und seinem Gefolge aus dem königlichen Gemüsebeet wie Radieschen, Kartoffeln und rote Rüben übernommen. Nach einer abenteuerlichen Reise durch fantastische Welten wendet sich schließlich alles zum Guten.

Jetzt gibt es am Haus am Währingergürtel eine neue, gelungene Erfolgsproduktion in vier Akten und 19 Bildern als österreichische Erstaufführung mit viel lebendem Gemüse, tanzenden Tieren, herumschwebenden Hexen und gruseligen Zauberern in spektakulären Bühnen- und Theatereffekten sowie rasanten Szenenwechseln in palastartigen Prospekten und Videoprojektionen (Mathias Fischer-Dieskau). Dafür sorgt Regisseur Matthias Davids, hauptsächlich am Linzer Landestheater als Musicalchef beschäftigt, mit einem temporeichen Feuerwerk an Gags und einem Füllhorn von Ideen, aufgemotzt mit einer mitreißenden Choreographie von Kati Farkas. Mag manches vielleicht doch etwas überzogen wirken, so regen diese wie auch die extrem schrillen Kostüme (Susanne Hubrich) und die abenteuerlichen Frisuren besonders beim Gemüse sowie der witzige, bissige Text (die neue deutsche Übersetzung besorgte Jean Abel), gespickt mit literarischen und aktuellen Anspielungen immer wieder zum Lachen an: So wird etwa der erste Auftrittsapplaus des Dirigenten auch gleich zum scheinbaren Schlussapplaus des gesamten Ensembles. Die Souffleuse tritt über die Bühne auf und öffnet eine Muschelschale um auf ihren Platz zu kommen. Diese wird dann später noch öfters für Auftritte benützt. So werden Handies und Wasserpfeifen benutzt, wobei letztere nach Genuss die Männer kurz wie Eunuchen klingen lassen und vieles mehr….

Getragen wird die Produktion aber auch von einem ohne Ausnahme ungemein spielfreudigen und komödiantischen, riesigen Ensemble, eigentlich ohne einzige Schwachstelle: Sung-Keun Park ist der König Karotte mit sabberndem Mund und höchsten tenoralen Tönen. Mirko Roschkowski singt den verschwenderischen und leichtfertigen Fridolin XXIV, Prinz von Krokodyne mit schönem Tenor. Julia Koci hört man als angebetete Prinzessin Kunigunde mit leichtem Sopran. Weiters beeindruckt Amira Elmadfa als guter Geist Robin mit herrlichen Mezzo. Johanna Arrouas ist eine sehr bubenhafte Rosée-du Soir mit wunderbarem Material und Koloraturen, deren eine Arie stark an jene der Olympia aus „Hoffmanns Erzählungen“ erinnert. Köstlich mit viel Witz zu erleben ist auch Christian Graf in der Doppelrolle als Hexe Kalebasse sowie als Zauberer Quiribibi, wobei letzterer auf eigenen Wunsch zerstückelt und in den Ofen geworfen wird. Marco di Sapia wirkt als korrupter und ständig überlaufender Polizeichef Pipertrunck. Yasushi Hirano ist ein, als besonderer Gag ständig japanisch sprechender Schwarzmagier. Auch die unzähligen kleineren Partien, wie auch der Volksopernchor (Einstudierung: Holger Kristen) spielen und singen tadellos.

Das Orchester der Volksoper Wien unter Guido Mancusi, der auch längere Zeit am Stadttheater Klagenfurt gewirkt hat, weiß Offenbachs beste, ungemein theaterwirksame Musik - man glaubt Anklänge an „Pariser Leben“ und „Hoffmanns Erzählungen“ und vieles mehr zu hören - manchmal etwas zu knallig aber immer pulsierend und mitreißend wiederzugeben.

Riesiger Jubel und große Begeisterung des Publikums!

Dr. Helmut Christian Mayer

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