Mozarts „Don Giovanni“ szenisch und musikalisch bei den Salzburger Festspielen ganz neu erdacht: Nichts für Puristen

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Sobald sich der Vorhang öffnet, sieht man den weitläufigen Innenraum einer Barockkirche. Doch noch bevor der erste Ton erklingt, erscheinen Arbeiter in Overalls mit einem Gabelstapler und beginnen diesen auszuräumen. Kirchenbänke werden hinausgetragen, sogar das große Kreuz wird entfernt und durch einen Basketballkorb ersetzt. Erst nach gefühlten zehn langen Minuten beginnt die Ouvertüre. Und dieser neue Salzburger Don Giovannivon Wolfgang Amadeus Mozart als erste Opernproduktion der heurigen Sommerfestspiele im Großen Festspielhaus– er kommt coronabedingt mit einem Jahr Verspätung auf die Bühne – löst als zentrale Opernproduktion hohe Erwartungen aus, hat auch noch viel weitere Überraschungen parat, szenisch wie auch musikalisch.

Und er ist nichts für Puristen: Ein Autolimousine, ein Klavier, ein Rollstuhl, Basketbälle krachen ohrenbetäubend und verstörend von oben auf die Bühne. Antike Bilder tauchen auf, eine Kutsche schwebt im Raum: Es ist der Beginn der symbolschwangeren Materialschlacht auf der Riesenbühne. Es ist eine überbordende, meist rätselhafte Bilderflut mit Gazevorhängen, Theaterrauch, Lichtstimmungen. Und Romeo Castellucci, der auch für die komplette Ausstattung verantwortlich ist, zeichnet Don Giovanni als Zerstörer, der alles kaputt macht. Auch alle anderen Personen fokussiert er bei seiner Personenführung ganz genau. Und er gibt den Eroberungen des Titelhelden ein Gesicht, denn er lässt 150 Frauen auf der Bühne in verschiedensten Formationen durchchoreographiert aufmarschieren. Im zweiten Akt wird alles reduzierter und etwas magischer. Zum packenden Finale ist ihm hingegen wenig eingefallen. Denn es taucht kein Komtur auf, der singt aus dem Off. Anstelle einer Höllenfahrt wälzt sich Don Giovanni auf leerer Bühne nackt in weißer Farbe.

Im Orchestergraben waltet Teodor Currentzis und sorgt bei “seinem“ Orchester MusicAeterna sowohl für Rekorde was das Tempo, wie auch, was die Dynamik betrifft und bürstet Mozart ordentlich gegen den Strich. Vieles wird verfremdet, da gibt es Stampfen, nerviges Rasen, unendliche Zeitlupe. Vieles wird oft nur für den bloßen Effekt extrem ausgereizt: Langsame Stellen werden noch langsamer, oft sogar regelrecht zerdehnt: Etwa bei der Arie „Dalla sua pace“ so sehr, dass Don Ottavio sogar noch einige Zwischentöne und Verzierungen einschieben muss. Dafür muss der Titelheld bei der ohnedies schon schnell komponierten „Champagnerarie“ noch mehr Gas geben. Zudem wird dabei der Orchestergraben kurzfristig hochgefahren, von einem Blitzgewitter begleitet. Genauso werden Pianissimi bis zur kaum mehr hörbaren Wahrnehmung reduziert und bei den Forte-Stellen ordentlich aufgedreht. Aber die mit alten Instrumenten spielenden Musiker aus Perm kennen ihren Meister, der mit ungemeiner Energie und Vitalität und recht eigenwilligen Zeichen diese extrem aufstacheln kann. Maria Shabashova am Hammerklavier scheint überhaupt nicht nur bei den Rezitativen alle nur erdenklichen Freiheiten zu haben. Denn da werden bei Umbauten auf der Bühne noch nie gehörte, fast jazzig oder improvisationsmäßig klingende Passagen eingespielt und zu Beginn der Friedhofszene intonieren einige Musiker die chromatisch-kühne Einleitung zu Mozarts „Dissonanzen-Streichquartett“. Diese Klänge ändern die Stimmung abrupt, die Düsternis hält Einzug. Aber musikalisch bleibt die Interpretation immer aufregend und ungemein spannend.

Dazu tragen auch die Sänger, die alle sehr lyrisch besetzt sind, viel bei: Davide Luciano verfügt über einen schönen, ja verführerischen Bariton, reich an Nuancen. Der gleich gewandete und von Statur und Optik wie ein Doppelgänger aussehende Vito Priante ist ein markanter Leporello. Michael Spyres hat optisch einen schweren Stand, denn er wird als Don Ottavio als völliges Weichei gezeichnet und wie Popanz mit weiten Gewändern und seltsamen Kopfbedeckungen kostümiert. Einmal schaut er wie Montezuma aus, ein anderes Mal wie ein lächerlicher Militärdiktator. Zudem muss er zweimal mit getrimmten Königpudeln verschiedener Größen bei seinen Arien „Äußerln“ gehen. Er singt ihn mit schön geführtem, weichem Tenor. Apropos Tiere, einmal geht auch eine Ziege quer über die Bühne und einmal rennt eine Ratte herum.

Überragt werden alle von Nadezhda Pavlova als Donna Anna: Leuchtend und sicher ist sie auch bei den Koloraturen und singt mit flammend intensiver Leidenschaft. Die Paradearie „Non mi dir, bell’idol mio“ wird zu ihrer Glanznummer, nach der sie heftig umjubelt wird. Federica Lombardi ist eine innig berührende Donna Elvira mit großer Lebenserfahrung, die auch von einer nackten Schwangeren gedoubelt wird. Auf einem Fauteuil sitzend steigt neben ihr ein kleines Kind heraus, offensichtlich das gemeinsame mit dem Titelhelden, vor dem dieser flüchtet, als es die Arme austreckt und auf diesen zuläuft. Die Zerlina der Anna Lucia Richter klingt sehr delikat und frisch. David Steffens ist eine solider Masetto. Mika Kares kann als Komtur mit Stimmgewalt den Riesenraum des Festspielhauses füllen. Der MusicAeterna Chorund die Herren des Bachchors Salzburg singen aus dem Orchestergraben.

Stehende Ovationen, in die sich einige Buhs mischten!

Dr. Helmut Christian Mayer

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