Mozarts „Don Giovanni“ an der Wiener Staatsoper: Ein düsteres Nachtstück

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Es ist ein unwirtlicher „Unort“ im Nirgendwo. Denn grau und dunkel ist diese omnipräsente Steinwüste, die im zweiten Teil dann noch mit bizarren Felsformationen aufwartet (Ausstattung: Katrin Tea Lag). Sie symbolisiert die inneren, steinigen Seelenzustände. Hier sind der Titelheld und Leporello gestrandet: Als düsteres Nachtstück inszeniert Barrie Kosky Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ an der Wiener Staatsoper. Es war leider wieder eine Produktion, die pandemiebedingt ohne Publikum und nur vor einigen Journalisten stattfand aber dafür als TV-Übertragung gezeigt wurde.

Auf dieser Mondlandschaft mit zu Stein erstarrten Urgefühlen wohnen einsam die verlorenen und verschreckten Seelen. Lediglich die bunten modernen Kostüme wirken wie Farbtupfer und einmal, wenn der Titelheld zum Fest lädt, was wie ein überzeichneter Drogenexzess wirkt, wird der Felsen mit Pflanzen behübscht. Offenbar soll diese Düsternis die inneren Zustände repräsentieren. Aber der australische Regisseur, Intendant der Komischen Oper Berlin, der auch sämtliche Klischees der Oper streicht, kann diese nicht jedem gefallene, optische Tristesse mit Leben erfüllen. Dafür zeugt seine ausgefeilte, detaillierte, immer sehr hautnahe Personenführung. Es gelingt ihm dann auch, die inneren Seelenzustände der Protagonisten offenlegen und er spart nicht mit Humor. Jede Arie ist detailreich durchinszeniert. Den Tod des Komturs verantworten Don Giovanni und Leporello gemeinsam, er wird in tödlicher Umklammerung begangen. Die Friedhofszene spielt in einer Wassergrotte, wo anstelle der Statue des Komturs ein kopfgroßer Stein herumgeworfen wird. Wie überhaupt alle Figuren immer wieder mit Steinen in verschiedensten Größen spielen.

Ungemein spielfreudig und auf die vielen Wünsche des Regisseurs eingehend erweist sich das ausgewählte, sehr junge Ensemble, wobei mehr auf Darstellung und vokale Expressivität denn auf Schöngesang gesetzt wird: Kyle Ketelsen beweist sich bei seinem Hausdebüt als kein adeliger Verführer mit edlen Manieren, sondern als recht derber, ja gewalttätiger, getriebener, viriler Gangster mit kernigem Bariton. Ständig hyperaktiv und ständig auf Drogen fährt er am Ende nicht zur Hölle, sondern geht einfach wie der Komtur ab. Philippe Sly ist ein androgyner, teils zappeliger, pubertierender, ausgesprochen schön singender Leporello, dem es auch nicht an Komödiantik fehlt und der dem Titelhelden an Präsenz nicht nachsteht. Beide wirken eher wie Vater und Sohn, denn als Herr und Diener. Stanislas de Barbeyrac singt den Don Ottavio mit weichem Timbre. Hanna-Elisabeth Müllers Sopran strahlt in der Rolle der Donna Anna intensiv. Kate Lindsey gibt eine glutvolle, elegante Donna Elvira. Patricia Nolz ist eine quirlige, wunderbar lyrische Zerlina, Peter Kellner ein vitaler Massetto. Ain Anger ist ein adäquater, stets blutverschmierter Komtur. Auch der Wiener Staatsopernchor macht seine Sache tadellos.

Am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper waltet der Musikchef des Hauses Philippe Jordander auch bei den Rezitativen gekonnt subtil das Hammerklavier bedient: Hier wird mit innerer Mozart’scher Leichtigkeit und Transparenz detailreich mit vielen Schattierungen das Düstere aber auch die Poesie hervorgehoben, ohne auch auf Prägnanz zu verzichten.

Man hofft diese Produktion bald im vollen Haus erleben zu können. Das Leading Team soll auch in den folgenden Spielzeiten die beiden weiteren Opern jener Trilogie, die Mozart mit seinem Librettisten Lorenzo da Ponte geschaffen hat, wie „Le nozze di Figaro“ und „Cosi fan tutte“, in Szene setzen. Man darf gespannt sein.

Dr. Helmut Christian Mayer

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