Linz: Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ am Landestheater: Eine geträumte, bunte Spielzeugwelt

Xl_meistersinger-linz-reinhard_winkler-4-23-1 © Reinhard Winkler

212 Premieren, davon 27 Uraufführungen, 4.648 Vorstellungen, 2,1 Millionen Besucher: Das ist die stolze Bilanz des Linzer Landestheaters im 2013 neu erbauten, eleganten, akustisch großartigen Musiktheater am Volksgarten, das jetzt mit Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ sein 10-jähriges Jubiläum feiert.

Schon bei der Ouvertüre dominiert ein riesiger Teddybär das Kinderzimmer von Eva. Aus einer Spielzeuglade holt sie ihren Ritter, wie einen Märchenprinzen heraus und erweckt ihn, wie auch die beiden Aufziehfiguren Magdalena und David zum Leben: „Mir ist, als wär ich gar wie im Traum!“ Aus diesem anfänglich projizierten Zitat entwickelt Paul-Georg Dittrich seine Inszenierung dieser 1868 uraufgeführten, einzigen komischen Oper des Bayreuther Meisters und erzählt sie als kindlichen Traum der fast omnipräsenten Eva, die ihren Walther von Stolzing herbeiphantasiert. Diese doch eher beliebige Idee wird in einer bunten Spielzeugwelt (Bühne: Sebastian Hannak), in welcher sich auch immer die Dimensionen verändern, gezeigt. Die Meister erscheinen als Schachfiguren dann mit Spitzhüten und nicht unterscheidbaren Clowngesichtern in heutigen Kostümen (Anna Rudolph) und fuchteln mit langen Stangen, auf deren Ende Hände befestigt sind, herum. Eva beobachtet sie aus luftiger Höhe von einer Deckenlampe aus. Flipperautomaten, wobei man sich im 2. Akt sogar im Inneren eines solchen befindet, werden vor einer angedeuteten Kulisse von Nürnberg mit zwei riesigen Bratwürsten erkennbar. Dazu gibt es alle nur alle erdenklichen, heutzutage scheinbar unvermeidlichen Projektionen. In dieser unschlüssigen und verulkenden Reizüberflutung, vor allem im 1. Akt, herrscht auch noch eine stetige Rasanz, meist extrem kindisch und bemüht witzig, was es den Protagonisten noch dazu beim Singen nicht leicht macht.

Diese hört man auf hohem Niveau: Mit großer Bühnenpräsenz singt Claudio Otelli den Schuster Hans Sachs ungemein kultiviert und warmstimmig. Nur manchmal wirkt seine Stimme etwas zu klein. Besonders der „Wahnmonolog“ gelingt ihm ganz vortrefflich. Martin Achrainer ist eine Idealbesetzung für den Sixtus Beckmesser. Scharf und schneidend und grotesk spielt und singt er den Merker mit exemplarischer Artikulation. Heiko Börner hört man als baritonal gefärbten, weißhaarigen, reifen Walther mit etwas belegtem Timbre aber mit allen bombensicheren Spitzentönen. Erica Eloff, am Linzer Landestheater schon öfters zu erleben, fasziniert mit großer Bandbreite und dramatischer Intensität, aber auch als zarte, sensible Eva. Sie muss extrem kindlich im Spiel agieren. Matjaž Stopinšek ist ein wunderbar lyrischer David mit klaren, mühelosen Höhen, Manuela Leonhartsberger eine ausgezeichnete Magdalena. Dominik Nekel meistert die Partie des Veit Pogner mit ungemein schönen, weichen Tönen, Michael Havlicek ist ein guter Fritz Kothner. Auch die vielen, kleineren Rollen sind angemessen besetzt. Wie vom Komponisten gewünscht, ist der Chor und Extrachor sowie der Kinder- und Jugendchor des Landestheaters Linz (Einstudierung: Elena Pierini) stimmgewaltig und sehr homogen zu hören.

Mit großer Durchhörbarkeit, vielen feinen und eleganten Tönen, flüssigen Tempi und ohne Pathos lässt das Bruckner Orchester Linz unter Markus Poschner die Musik herrlich aufblühen.

Großer Jubel für die musikalische Seite, viele Buhs für die szenische!

Dr. Helmut Christian Mayer

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading