Linz: farbenreicher, musikalisch gelungener „Parsifal“ von Wagner am Landestheater

Xl_parsifal-linz-3-22-1 © Reinhard Winkler

„…Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich, sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich“: Noch vor Beginn rezitiert als riesige Projektion der alternde Titelheld das Gedicht „Traumwald“ von Heiner Müller. Dieses diente offenbar dessen ehemaligen Assistenten Stephan Schuske als Inspirationsquelle: Denn sobald die Musik des Vorspiels von Richard Wagners „Parsifal“ am Linzer Landestheater anhebt, sieht man Klein-Parsifal als Kind auf einem Schaukelpferd neben seiner strickenden Mutter Später wird er auch mit einem Spielzeugbogen den Schwan erlegen und zum Finale wird ihm sogar noch ein Gewehr in die Hand gedrückt. Zuvor zieht er noch die dunklen Tücher, von den auf Stühlen sitzenden Figuren herunter. Und alle sind schon da: Amfortas, Gurnemanz, Kundry, Klingsor und Titurel. Ein Kunstgriff, der sich jedoch nicht erschließt. Schäbig und heruntergekommen ist die Säulenhalle (Bühne: Momme Rohrbein), im letzten Akt auch noch zugemüllt. Die Gralsritter werden als martialische Truppe in einer Art dschihadistischer Kämpfertracht gezeigt, die sich bei der Gralsenthüllung blutige Kreuze auf ihre entblößte Brust schmieren. Das Bühnenbild im 2. Akt ist zweigeteilt: Oben herrscht Klingsor, unten agieren die Blumenmädchen wie Prostituierte bunt und grell ausstaffiert in einem Käfig. Beim Karfreitagszauber ist dem Leading Team leider überhaupt nichts eingefallen. Kann man die schäbige, recht bieder bebilderte Szene noch in Kauf nehmen, so findet eine erkennbare Interpretation des an sich rätselhaften „Bühnenweihfestspiels“ kaum statt, das Weihevolle fehlt sowieso.  Zudem ist die Personenführung von Regisseur Stephan Schuske, er ist in Linz immerhin Schauspielchef, statisch und konventionell.  

Einen farbenreichen, impressionistischen Klangrausch bringt das Bruckner Orchester Linz unter Markus Poschner hervor. Neben spannungsvollen, gewaltigen Steigerungen und Eruptionen tönt es immer wieder kammermusikalisch, ja mit Pianozauber aus dem Graben. Dabei weiß der Maestro immer transparent und sängerfreundlich musizieren zu lassen.

Und diese wissen ihm dies zu danken und sind immer gut hörbar: Allen voran singt Michael Wagner den Gurnemanz, der wie ein Intellektueller wirkt, mit großer Wortdeutlichkeit, sehr edel und kraftvoll. Er steht die lange, anstrengende Partie ohne Ermüdungserscheinungen durch. Heiko Börner hört man als baritonal gefärbten Titelhelden mit etwas belegtem Timbre zu Beginn aber allen Spitzentönen. Katherine Lerner überzeugt als Kundry szenisch und sängerisch mit intensiver Expressivität aber etwas scharfer Höhe. Ralf Lukas ist ein eindringlich leidender Amfortas. Adam Kim ein zu wenig präsenter Klingsor. William Mason als Titurel singt gut. Auch die vielen kleineren Partien, insbesondere die schön singenden Blumenmädchen erweisen sich als gut besetzt. Homogen und differenziert hört man den Chor und Kinderchor (Einstudierung: Elena Pierini) des Linzer Landestheaters.

Großer Jubel und ein paar Missfallenskundgebungen für die Regie!

www.landestheater-linz.at

Dr. Helmut Christian Mayer

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading