"Le nozze di Figaro" an der Wiener Staatsoper: Wiederkehr einer traditionellen Ästhetik

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Es war im Jahre 1972, da wurde diese Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Le nozze di Figaro“ für die Salzburger Festspiele geschaffen, mit keinem Geringeren als Herbert von Karajan am Pult. Sehr erfolgreich wurde sie mehrere Jahre hier an der Salzach gespielt, bis sie im Mai 1977 an die Wiener Staatsoper übersiedelte.Und wieder dirigierte Karajan. Sie stammt von dem großen Theatermann Jean-Pierre Ponnelle (1932-1988). Er war ein Künstler, der seine Ausstattungen selbst schuf mit untadligem Geschmack für Ästhetik. Sein Theaterverständnis war groß, wie auch die Sensibilität, mit der er die Werke anging. Die Opern wurden immer werktreu und verständlich inszeniert. Jetzt wurde diese fast 50 Jahre alte Inszenierung an der Wiener Staatsoper wieder aufgenommen. Allerdings wegen einiger Corona-Fälle im Chor um einige Tage verschoben und wie immer ohne Publikum und nur mit einigen auserwählten Medienvertretern. Allerdings wurde die Produktion auch wieder gestreamt und auch im TV gezeigt.

Sie ist etwas für konservative Opernliebhaber und absolut nichts für Regiefreaks und Anhänger des modernen Regietheaters. Die Ausstattung ist von naturalistischer Schönheit sowohl was die traditionellen Kostüme als auch die Kulissen betrifft. Man sieht reich ausgestatte Räume samt Wendeltreppe des Jagdschlosses des spanischen Grafen Almaviva und einen herrlichen Schlosspark mit Zierbäumen und Steinskulpturen, alles von großer Eleganz und Geschmack. Einstudiert nach den Vorlagen von Ponnelle, einer Schatztruhe psychischer Regungen und heiterer Pointen, hat Grischa Asagaroff die Protagonisten mit detailfreudiger Vitalität geführt und genauso wie es Da Ponte vorgegeben hat. Ohne Überzeichnungen, ohne Neudeutung dafür mit feinem Humor und immer im Sinne der genialen Musik Mozarts. Damit hat man sich nun von der beim Publikum ungeliebten und auch missglückten Deutung der letzten Regiearbeit von Jean-Louis Martinoty dieser Oper verabschiedet. Allerdings wird man diese Ponnelle-Inszenierung auch nicht allzu lang mehr erleben können, denn dem Vernehmen nach bastelt der Regisseur Barrie Kosky schon an einer neuen und zwar an einem ganzen  Zyklus aller drei Da Ponte Opern von Mozart, beginnend in der nächsten Saison.

Aber der neue Staatsoperndirektor Bogdan Roscic tauscht nicht nur einige misslungene Regiearbeiten der Vergangenheit aus, er bastelt auch gemeinsam mit seinem Chefdirigenten Philippe Jordan an einem neuem Mozartensemble für das Haus. Und schon lässt sich dieses Vorhaben, wenn man die Besetzung dieses Abends anhört, durchaus als vielversprechend bezeichnen: Die Protagonisten der Hauptrollen sind durchwegs jung und zeigen viel Spielfreude, Engagement und haben überwiegend schöne Stimmen. Allen voran erlebt man mit Federica Lombardi, die diesen Sommer bei den Salzburger Festspielen als Donna Elvira in Mozarts „Don Giovanni“ angesetzt ist, als eine sehr junge aber elegante Gräfin: Mit feinsten und innigen Nuancen und ziemlich leidend, vor allem ihre Arie „Dove sono“ gelingt mit herrlichen Phrasierungen und aus dem nichts kommenden Piani traumhaft schön. Louise Alder ist ein quirlige, glockenreine Susanna mit durchaus auch kokettem Spiel. Philippe Sly ist ein agiler und sympathischer Figaro. Gewisse vokale Unwuchten macht er mit Verve wett. Einen jungen und sehr virilen Grafen mit kerniger schöner Mozart-Stimme gibt Andrè Schuen, er ist auf dem richtigen Weg. Etwas blass wirkt der Cherubino von Virginie Verrez. Mit ziemlich überzogener Mimik agiert Stephanie Houtzeel als boshafte Marcellina. Dazu kommen noch gut besetzt: Josh Lovell, Andrea Giovannini, Evgeny Solodovnikov, Marcus Pelz und ganz besonders Johanna Wallroth als entzückende Barbarina.

Philippe Jordan, der auch die Rezitative am Hammerklavier selbst begleitet, lässt am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper einen vielleicht weniger duftigen dafür aber straffen, pointierten und akzentreichen Mozart hören. Es wird dabei immer ungemein sängerfreundlich, reichschattiert und immer geprägt von großer Schönheit musiziert.

Dr. Helmut Christian Mayer

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