Le nozze di Figaro" am Theater an der Wien: Schattenwelten der Seele

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Eigentlich war die Premiere von Wolfgang Amadeus Mozarts  Le nozze di Figaro“ für den 12. November 2020 mit Publikum geplant gewesen. Leider machte wieder einmal das Corona Virus inklusive dem zweiten Lockdown einen Strich durch die Rechnung. Aber man entschloss sich dann seitens des Theaters an der Wien, die intensive Probenzeit nicht ungenutzt zu lassen und die Produktion ohne Publikum live in ORF III zu übertragen.

Zu berichten ist von einem Abend, der stets auf hoher Eskalationsstufe dahineilt. Allerdings liegt das weniger an der verlassenen, abgewohnten sich oft drehenden Zimmerflucht eines abgewrackten Landhauses. Kaum Möbel gibt es hier aber dafür hohe Türen und Fenster (Ausstattung: Christian Tabakoff), die sich immer wieder Öffnen und Schließen und deren Beleuchtung immer wieder ins Gruselige kippt. Die Hitze steckt vielmehr in den Figuren, die durch diese trostlosen, sich auch weitenden und verengenden Räume stolpern. Innen ist es dämmrig, draußen finster, greller Mondschein wirft markante Schatten an die Wand: Bei seinem Opern-Regiedebüt setzt der in Österreich sehr bekannte Kabarettist Alfred Dorfer mit seiner Ko-Regisseurin Kateryna Sokolova auf die emotionalen Abgründe in den Figuren, auf ihre Wahnvorstellungen und Ängste. Diese emotionale Dichte in den leeren Räumen funktioniert und erzeugt zwar einen gewissen Sog. Dorfer versteigt sich auch nicht, zusätzliche Gags oder Ideen oder vordergründige Komik einzuführen. Und auf jeden Fall sehr positiv bei seiner Inszenierung ist, dass dem Werk nichts darübergestülpt wird. Aber obwohl sievon Anbeginn an nur so vor Spritzigkeit, Tempo und präziser Personenführung strotzt, bewirkt dies letztlich einen Übersättigungseffekt und „Der tolle Tag" von Beaumarchais wird viel zu vordergründig und zu plakativ gezeigt. Das zur Szene gewordene innere Gruselkabinett der Figuren ist auf Dauer einfach zu monoton, auch Intensität kann ermüden - auch eine Schattenseite der Kürzungen von insgesamt 45 Minuten. In der TV-Übertragung wirken zudem die Gesten überzeichnet, subtil bleibt dabei wenig. Warum zudem das Finale vom Garten der Grafenvilla in eine Straßenbahnremise verlegt wird, bliebt unerfindlich.

Sehr bühnenpräsent und fast vor Spielfreude platzend erlebt man den drahtigen und sehr virilen Figaro des Robert Gleadow mit seinem kernigen Bariton. Für Cristina Pasaroiu kommt die Gräfin etwas zu früh. Sie singt sie aber sehr innig.  Giulia Semenzato ist eine saubere, quirlige Susanna. Mit feinem Mezzo singt die erst 25-jährige Patrizia Nolz, Mitglied des Opernstudios der Wiener Staatsoper, den Cherubino, ein Versprechen für die Zukunft. Ebenfalls sehr quirlig ist Ekin Su Paker als Barbarina hingegen singt Enkelejda Shkosa die Marcellina mit sehr reifem Timbre. Bei den Herren ist Florian Boesch ein sehr präsenter, hormongesteuerter Graf mit vielen Schattierungen. Der Bartolo des Maurizio Muraro und der Basilio des Andrew Owens sowie der Don Curzio des Johannes Bamberger sind alle ideal besetzt.

Mit vitalem Drive, hohem Tempo aber auch einer gewissen akzentuierten Schroffheit, was quasi immer noch als Markenzeichen des Concentus Musicus Wien von den Zeiten eines Nikolaus Harnoncourt herrührt, spielt das Ensemble unter Stefan Gottfried, der seit 2016 dessen künstlerischer Leiter ist. Schon die Ouvertüre stellt die Betriebstemperatur der ganzen Opernproduktion ein. Gottfried am Pult des konzentrierten, mitunter furiosen Concentus hält das Tempo und die musikalische Dichte dann auch die ganze Oper hindurch aufrecht.

Dr. Helmut Christian Mayer

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