Korngolds "Die tote Stadt" an der Komischen Oper Berlin: Zwischen Traum und Wirklichkeit

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Marietta/Marie bleibt tot auf dem Boden liegen. Hier ist wirklich etwas passiert und es war kein Albtraum, sondern tragische Realität, was Paul getan hat. Doch man glaubt dem Regisseur nicht so recht, weil die Musik und das Libretto etwas ganz anderes sagen. Und so hört man die an sich laut Handlung normalerweise wiederkehrende Marietta/Marie nur mehr aus dem Off. Freund Frank und die Haushälterin Brigitta erscheinen schließlich in weißen Mänteln und begleiten Paul offenbar in eine geschlossene Anstalt: So ungewöhnlich lässt Robert Carsen bei seinem Debüt an der Komischen Oper Berlin „Die Tote Stadt“ von Erich Wolfgangs Korngold enden, die jetzt gestreamt wurde. Der kanadische Regisseur lässt in seiner Inszenierung aus 2018 den Geniewurf dieses 23-jährigen Komponisten, dessen Libretto dieser selbst gemeinsam mit seinem Vater Julius Korngold nach dem Roman „Bruges-la-Morte“ von Georges Rodenbach verfasst hat,in seiner Entstehungszeit spielen. Bühnenbildner Michael Levine entwarf im Einheitsbühnenbild ein Interieur in noblem Art déco Stil mit einem dominanten Doppelbett, Kleiderschrank, Schminktisch und Sitzgruppe. Petra Reinhart ließ dazu elegante Kostüme aus dieser Zeit schneidern. Auch der Beginn ist ungewöhnlich, denn da steht Paul an der Rampe und ist von Anfang ständiger Beobachter des Geschehens und sieht auch seinen Mord an der Tänzerin Marietta. Erst dann betritt er sein Zuhause. Wenn sich dann Realität und Traum miteinander vermischen, gehen die Wände des Einheitsraums auseinander. Hier wird offenbar berücksichtigt, dass Sigmund Freuds Thesen Einzug ins Libretto gefunden haben.Diese Aufhebung der Grenzen zur Vision hin trägt aber nicht unbedingt zur Erhellung der ohnedies schwer fasslichen Geschichte bei. Riesige, übermächtige Projektionen des Gesichts von Marie sind zu sehen. Immer wieder tauchen schwarze Männer auf, die das Interieur des Raumes verändern. Ein Begräbnis mit schwarzgekleideten Leuten ist ebenso zu sehen, wie auch eine Prozession mit zehn herumgetragenen, identisch aussehenden Marienstatuen. Es gelingt Carsen trotz vieler Ideen jedoch nicht, eine Art thrillerartige Stimmung zu erzeugen.

Mit dieser Oper feiert der neue GMD Ainārs Rubiķis seinen Einstand an der Komischen Oper Berlin.Unter seiner präzisen Stabführung lässt das Orchester der Komischen Oper Berlin Korngolds geniale, überfüllt von Stilen und zwischen aggressiver Harmonik, spätromantischen Schwulst und Impressionismus pendelnd, schillern, glitzern und aufblühen. Man sorgt für atmosphärische Dichte ohne die Sänger zuzudecken und ohne in Schwülstigkeit abzugleiten wie auch zu einer aufwühlenden Dauererregung. Sorgfältig und dadurch mit auch teils sehr breiten, für die Sänger fast grenzwertigen Tempi führt der lettische Maestro führt die Partitur. Nicht immer ist man dabei auch eines Sinnes.

Die Doppelrolle der Marie/Marietta meistert Sara Jakubiak zwar mit etwas Schärfe in der Höhe und zu wenig Textverständlichkeit aber insgesamt bravourös.Sie punktet mit vielen Nuancen in den Lyrismen und dramatischen Ausbrüchen. Aleš Briscein als Paul überzeugt hingegen mit sauberer Diktion allerdings stößt er mit seinem schönen aber leichten Tenor immer wieder stimmlich an seine Grenzen, sei bei der Höhe und mangels Kraft. Tiefe Gefühle und seine Zerrissenheit kann er darstellerisch exzessiv vermitteln.Sehr nuancenreich und mit starker Bühnenpräsenzhört man Maria Fiselier als Haushälterin Brigitta .Günter Papendell singt Frank/Fritz, den Pierrot schmeichelweich und kann mit seiner Paradearie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ mehr als überzeugen. Der Chor (einstudiert von David Cavelius, der Kinderchor von Dagmar Fiebich) singt homogen und klangschön.

Dr. Helmut Christian Mayer

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