Innsbruck: „Elektra“ von Strauss als eiskaltes Psychodrama

Xl_elektra-c_birgit_gufler-innsbruck-7-23-2 © Birgit Gufler

Kalt wirken die dunklen Kacheln des aufgelassenen Bades, das schon lang kein Wasser mehr gesehen hat, dafür umso mehr Blut, das von den Mägden mit blutverschmierten Schürzen hineingeschüttet wird. Offenbar finden hier ständige Schlachtungen von Tieren statt. Figuren huschen gehetzt herum. Eiskalt und angstvoll ist die Atmosphäre, die hier herrscht, schaurig-fesselnd bebildert (Bühne: Thomas Dörfler): So zeigt sich Richard Strauss „Elektra“ am Tiroler Landestheater, die letzte Produktion der heurigen Saison und die letzte von Johannes Reitmeier, der hier seine Intendanz nach zehn, erfolgreichen Jahren beendet und auch gleich selbst inszeniert hat. Er zeigt ein fesselndes Psychodrama in schonungslosem Realismus mit fast lauter kaputten Typen. Elektra schleppt ständig eine Reisetasche mit, in der sie die Mordwaffe, das Beil, ein blutverschmiertes Hemd des Opfers, sowie ein Konterfei Orests und Kerzen herumschleppt. Klytämnestra mit rotem Glitzergewand und blutiger Schürze präsentiert sich ungewohnt als beinahe anrührende Gattenmörderin. Orest erscheint nicht als der sonst meist gezeigte, unerschrockene Held, sondern torkelt als psychisch völlig angeschlagener, zerlumpter Typ durchs Geschehen. Ständig geleitet wird der von seinem Gefährten, welcher auch beim sichtbaren Mord an Aegisth seine Hand mit dem Messer führt. Bei Elektras Tod stürzt sich diese selbst in Orests Messer. Es sind teils ungewöhnliche Deutungen aber nicht unschlüssig und vor allem mit packender Dichte inszeniert.

Das liegt aber auch an den vortrefflichen Singschauspielern: So wird die estnische Sopranistin Aile Asszonyi als recht rustikale Titelfigur gezeigt, die mit hochdramatischem Sopran und einer reichen Palette fasziniert, leider geraten ihr ein paar Spitzentöne etwas zu tief. Faszinieren kann auch die große Sängerin Angela Denoke, die hier stimmlich wie auch darstellerisch ein großartiges Rollenporträt der Klytämnestra liefert. Magdalena Hinterdobler singt die Chrysothemis kraftvoll und aufgewühlt. Andreas Mattersberger weiß den Orest stimmlich sehr edel und kernig zu gestalten. Florian Stern ist ein idealer Aegisth.

Der aus Vorarlberg stammende und Graz lehrende Komponist Richard Dünser hat die Riesenpartitur von Strauss neu und reduziert instrumentiert. Dabei ist ihm das Kunststück gelungen, dass man das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter Lukas Beikircher ungemein transparent, mit vielen feinen Tönen und trotzdem mit Klangfülle wie auch die Sänger wunderbar und wortdeutlich hört. Lediglich bei gewissen Schlüsselstellen hätte man sich bei den Musikern mehr eruptive Kraft gewünscht. Jubel!

 

Dr. Helmut Christian Mayer

 

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading