Innige Lichtgestalt und strahlender Rollendebütant: Verdis "Otello" an der Wiener Staatsoper

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Keine Opernfigur hat einen so spektakulären Auftritt wie Giuseppe Verdis Otello: Nach siegreicher Schlacht schmettert er sein triumphales „Esultate!“ dem Volk entgegen und muss gleich 100 Prozent seiner Leistungsfähigkeit abrufen. Hochdramatisch, kraftvoll und strahlend, nur mit kleinsten Mühen in den Höhen trumpfte Stephen Gould bei seinem gespannt erwarteten Rollendebüt als Titelheld an der Wiener Staatsoper aber nicht nur zu Beginn auf, sondern den gesamten Abend. War er mit seiner großen Wagner-Stimme beim Liebesduett am Ende des ersten Aktes noch zu sehr im Forte angesiedelt, so wusste er zum Finale auch mit feineren Piani zu faszinieren. Darstellerisch wirkte er allerdings sehr zurückhaltend.

Überstrahlt wurde er jedoch von Krassimira Stoyanova, die ihrer zugedachten Rolle, nämlich die Lichtgestalt zu sein, voll gerecht wurde. Sie zeigte ihre reine Unschuld mit berückenden, innigen Pianotönen und zarten, gefühlvollen Phrasierungen und sehr hohem lyrischen Niveau. Besonders das von Todesahnungen gezeichnete „Ave Maria“ wurde so zum Ereignis.

Der dritte im Bunde dieser hochkarätigen Besetzung war Carlos Àlvarez als Jago: Kein Finsterling sondern ein eleganter Intrigant aber durchaus mit dämonischen Zügen. Reich an Nuancen war sein Gesang mit warmen aber auch dramatischen Tönen wie beim spannungsvollen „Credo“.

Von den kleineren Rollen gefiel Jinxu Xiahou als Cassio mit seinem hellem, lyrischen Tenor besonders, nur wirkt seine Interpretation recht schablonenhaft. Auch die anderen kleineren Partien waren alle gut besetzt. Extra sei noch der stimmgewaltig und homogen singende Staatsopernchor erwähnt.

Jonathan Darlington entfesselte am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper gewaltige dramatische, nur manchmal zu laute Ausbrüche und baute enorme Spannungsbögen auf. Er agierte aber auch mit großer Detailverliebtheit und mit sanften Lyrismen in feinsten Pianissimi.

]Adrian Noble]s Inszenierung vom Juni 2019 wirkt auch jetzt bei der Wiederaufnahme in die Regiehistorie weit zurück und immer noch verstaubt. Zudem verlegte der Regisseur die Geschichte aus unerfindlichen Gründen in entsprechenden altväterischen Kostümen noch vom 15. Jahrhundert in den Anfang des 20. Jahrhundert. Lediglich das Schlussbild mit den Unmengen von Kerzen und den sanften Lichtstimmungen sorgte für ein gewisses Maß an stimmigen Emotionen.

Viel Beifall!

Dr. Helmut Christian Mayer

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