Humperdincks "Königkinder" an der Oper Graz: Eine tieftraurige Opernrarität

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Der erste der zwölf massiven Glockenschläge unterbricht abrupt das tumultartige Geschrei des Volkes. Nun steigert sich die Musik durch Hinzutreten immer neuer Instrumente zu großer harmonischer Komplexität bis dann beim letzten Schlag die Gänsemagd durch das Tor tritt und strahlende, fanfarenartige Klänge ertönen: Es ist wahrlich einer der eindringlichsten, musikalischen Momente, der Engelbert Humperdinck, den man hauptsächlich als Komponist der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ kennt, hier eingefallen ist. Aber auch sonst enthält seine 1910 an der Metropolitan Oper in New York uraufgeführten Oper „Königskinder“ wunderbare, spätromantische Musik, stark an seinem großem Vorbild Richard Wagner orientiert, die umso mehr wirkt, wenn sie so musiziert wird, wie jetzt am Grazer Opernhaus.

Vielleicht hätte man die eine oder andere Feinheit im Graben noch optimieren können aber die Grazer Philharmoniker unter Marius Burkert vermögen einen schillernden Klangzauber zu entfalten sowie das aufrauschend Wagnernde und das Liedhafte durchsichtig zu zelebrieren.

Hier sind eine naive Gänsemagd (Polina Pastirchak mit klarem und kraftvollem Sopran) und ein Königssohn (Maximilian Schmitt mit heldischem, höhensicherem Tenor) die tragischen Helden. Alle Personen tragen im Libretto von Ernst Rosmer, einem Pseudonym für die tatsächliche Autorin Elsa Bernstein-Porges, keine Namen. Die Gänsemagd wächst fernab der Welt bei einer Hexe (Christina Baader mit dunklem Mezzo) auf, die den Bürgern von Hellastadt voraussagt, dass am Königstag beim Glockenschlag Zwölf der ersehnte König durchs Tor schreiten wird. Als da aber nur Gänsemagd und Königsohn kommen, der sich hier als Schweinehirt verdingt, werden sie verlacht und vertrieben. Und der sie erkennende Spielmann (Markus Butter kämpft mit seinem für die Partie zu kleinen Bariton gegen die Orchesterwogen und forciert immer wieder) wird verprügelt. Am Ende sterben die Gänsemagd und der Königsohn vor Hunger und Kälte.

Auch die vielen kleineren Rollen sind adäquat. Hervorzuheben sind neben dem Chor und Extrachor der Oper Graz (Einstudierung: Bernhard Schneider) besonders der Kinderchor der Singschul‘ (hier besorgte die Einstudierung: Andrea Fournier) und da die blutjunge Victoria Legat, die solistisch mit glasklarer und sauberer Stimme bei ihrer nicht gerade kleinen Rolle brilliert.

Regisseur Frank Hilbrich und sein Bühnenbildner Volker Thiele zeigen das tieftraurige Märchen ohne Happy End in sehr nüchternen Kulissen, in einem weißen, leeren Einheitsraum offenbar um die Kälte und die Verrohung der Gesellschaft zu zeigen. Der Wald ist nur auf einem Prospekt und mit herumliegenden, verwelkten Laubblättern erkennbar. Sie fallen auch immer dann vom Himmel, wenn sich der Königssohn an die Magd wehmütig erinnert. Diese steigt zu Beginn aus einer mit Blättern zugefüllten Grube, dorthin wird sie sterbend mit dem Königssohn, jetzt voll schwarzer Erde hineinfallen. Die Gesellschaft von Hellastadt ist mit den Kostümen dick auswattiert, um ihre Saturiertheit zu zeigen. Die Kinder sind mit Anzügen und Kleidern wie Erwachsene angezogen (Kostüme: Gabriele Rupprecht). Sie sind auch die einzigen, die die wahren Königskinder erkennen. Die Personenführung ist teils stringent, flacht aber vor allem im letzten Akt ziemlich ideenlos ab.

Großer Jubel!

Dr. Helmut Christian Mayer

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