Hippie-Kommune auf der Zauberinsel: Händels "Alcina" in Klagenfurt

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Georg Friedrich HändelOpern sind lang, sehr lang sogar. Deswegen werden sie auch immer wieder gekürzt. Aber die fast dreieinhalb stündige Oper Alcina“ (Die erfolgreiche Uraufführung fand 1735 in Covent Garden London) auf rund 100 Minuten zu kürzen, ist doch ein Kunststück. So geschehen am Stadttheater Klagenfurt, wo Dirigent Attilio Cremonesi und Regisseurin Florentine Klepper gemeinsam kräftig den Rotstift ansetzten. Doch Corona machte es nötig, denn man wollte das Werk ohne Pause spielen. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen, die Geschichte wirkt trotzdem geschlossen und hat keine besonders merkbaren Brüche.

Florentine Klepper, die am Haus schon 2017 Mozarts „Don Giovanni“ inszeniert hat, verlegt die Story aus dem 8. Jahrhundert um die Zauberin Alcina, die ihre überdrüssigen Liebhaber in Tiere, Pflanzen oder Steine verwandelt, in die Hippie-Zeit der 60er Jahre. In einer etwas heruntergekommenen Laube (Bühnenbild: Martina Segna) samt üppigem Blumengarten und Drogenlabor wird eine viel kiffende und saufende Kommune gezeigt. In dieses vermeintliche Idyll dringen bewaffnete Soldaten ein, darunter die als Mann verkleidete Bradamante, um ihren Verlobten Ruggiero - derzeit Alcinas Liebhaber - zu suchen. Obwohl das Libretto des unbekannten Autors, das auf „Orlando furioso“ von Ariost beruht in dieser verwickelten Intrigengeschichte unpsychologisch typenhaft bleibt, vermag die Regisseurin, den Figuren eine reiche Entwicklung einzuhauchen. Die vielen Verwirrungen werden ideenreich und nachvollziehbar gezeigt, wenn auch das Poesievolle des Stücks etwas zu kurz kommt.

Kurzfristig ergab sich Pandemie-bedingt  jedoch ein großes Problem, das fast zur Absage der Premiere geführt hätte: Zwei Musiker des Kärntner Sinfonieorchesters wurden Corona-positiv getestet. Deshalb wurde fast das ganze Orchester in Quarantäne geschickt. Man durfte aber dann doch mit einem Streichquintett  der Stimmführer und zwei Cembali spielen, wofür Intendant Aron Stiehl zu Beginn um Verständnis bat.

Und so klingt das „Mini-KSO“ zwar klanglich recht ausgedünnt. Aber Langweile ist nicht die Sache von Attilio Cremonesi, denn der energiegeladene, italienische Barockspezialist, der selbst auch ein Cembalo bedient, kann wie schon 2014 hier bei Händels „Cesare in Egitto“ trotzdem aus den hochmotivierten sechs Musikern hohe Stilsicherheit, Differenziertheit und animiertes Musizieren, abgesehen von kleineren Mängeln beim Zusammenspiel, herausholen.

Exzellent ist auch das Ensemble, das dem Publikum teils schon aus vergangenen Produktionen bekannt ist: Kiandra Howarth ist eine nuancenreiche, strahlende Titelheldin, die zuerst als selbstbewusste, verführerische Zauberin schließlich als von Abschiedsängsten geplagte, alte Frau gezeichnet wird. Bryony Dwyer hört man als glasklare, flexible und sinnliche Morgana. Eléonore Pancrazi überzeugt in der Hosenrolle des koloratursicheren Ruggiero. Feride Büyükdenktas warmstimmiger Bradamante, Pablo Martinez als heller Oronte sowie Nicholas Crawley als kerniger Melisso gefallen ebenso. Homogen erklingt der Chor des Stadttheaters Klagenfurt (Einstudierung: Günter Wallner), der sich, als Alcinas Zauber endet, von ihrem Hofstaat in eine martialische, mit Gewehren bewaffnete Soldatengruppe wandelt. Mit dessen Schlusschoral endet aber der Abend wie im Original nicht sondern mit einer tieftraurigen Abschiedsarie der Alcina aus dem letzten Akt.

Stehende Ovationen und ein glücklicher Intendant, der jeden Musiker namentlich erwähnt und rote Rosen überreicht!

Dr. Helmut Christian Mayer

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