Hindemiths "Cardillac" am Salzburger Landestheater: Ein Mörder mit goldenen Händen

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„Steh still, Seel, hadere nicht und spanne nicht die dunklen Flügel auf“: Vergeblich versucht der gefeierte Goldschmied mit diesen Worten seinen Mordzwang zu bekämpfen. Denn Cardillac kann sich von seinen Kreationen nicht trennen und ermordet immer die Käufer derselben noch in der selbigen Nacht. Diese Mordserie in Paris ist in aller Munde und die Nachfrage nach den lebensgefährlichen Stücken der Marke „C“ steigt ins Unermessliche. So auch bei der stylischen Schmuckfashion-Präsentation auf einem Laufsteg, wo diese präsentiert werden und bei der der Chor als Gaffer und Kundschaft auftritt.

Damit lässt Amélie Niermeyer Paul Hindemiths erste abendfüllende Oper „Cardillac“, 1926 in Dresden uraufgeführt, jenes etwas sperrige Werk der Moderne, das kaum je den Zugang ins gängige Opernrepertoire gefunden hat und auf E.T.A. Hofmanns „Das Fräulein von Scuderi“ basiert, am Landestheater Salzburg beginnen.

Aber die Geschmeide des gefeierten Meisters existieren gar nicht, nur Schaukasten leuchten als Umrisse im Neonlicht aus dem Schwarz der Bühne, die von schwarzen Figuren und einem gefallenen Engel wie Modells vorgeführt werden. Die deutsche Regisseurin, die in den letzten Saisonen am Salzburger Landestheater schon „Stormy Interlude“ vom Max Brand, „Wozzeck“ von Alban Berg und „Rigoletto“ Giuseppe Verdi höchst erfolgreich inszeniert hat und dafür auch gefeiert wurde, besticht auch diesmal in diesem abstrakten Setting (Ausstattung: Stefanie Seitz) wieder mit raffinierter Genauigkeit und zeigt einen thrillerhaften, soghaften gut 90minütigen Abend, der niemanden kalt lässt. Niermeyer lässt sie auch mittels Videos (Philipp Batereau), die auf die Vitrinen projiziert werden, Goldschlieren und Blut auch über Frauengesichter rinnen. Manchmal wird ihre Symbolik dann doch zu überdeutlich überzeichnet. Nach der Lynchjustiz des Mobs lässt sie Cardillac zu einem goldenen Denkmal erstarren, während sein Schwiegersohn die Geschäfte gewinnbringend weiterführt.

Der junge, erste Kapellmeister des Hauses Robin Davis hat ein großes Gespür für die teils neobarocken, kontrapunktischen, oft auch als schroff und sperrig bezeichneten Formen und Musikzitate quer durch die Musikgeschichte. Er lässt sie im Mozarteumorchester Salzburg präzise, dicht und intensiv aufblitzen, sorgt immer für einen transparenten Linienverlauf, vorwärtsdrängendem Drive und auch für markante Ausbrüche mit packender Sprengkraft.

Marian Pop ist ein souveräner, charismatischer, markanter Goldschmied, der einzige im Stück der einen Namen trägt, dem es nur etwas differenzierten Farben fehlt. Anne-Fleur Werner ist seine sehr berührende und weich singende und verletzlich gezeichnete Tochter. Raimundas Juzuitis ist ein bassesschwarzer Goldhändler. Christopher Lundin ein lyrisch wunderbarer, durchsetzungsstarker Offizier aber auch zu bedrohlichen Tönen fähig. Tadellos auch Frances Pappas und Franz Supper als alsbald ermordetes Liebespaar. Auch der Chor des Landestheater Salzburg (Einstudierung: Stefan Müller) überzeugt.

Fazit: Ein spannender, kompakter Opernabend, der vom Publikum umjubelt wurde.

Helmut Christian Mayer

 

 

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