Henzes "Bassarids" bei den Salzburger Festspielen: Von Neurotikern und Fanatikern

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Dionysus wurde von Zeus und Semele gezeugt. Semele verbrannte, als sich ihr Gottvater in voller Pracht zeigte. Theben ist seither in zwei Lager gespalten, in Gläubige und Ungläubige: In einem 15-minütigen, teils gesprochenen Prolog ohne Musik zeigt uns Krzysztof Warlikowski zum besseren Verständnis die Vorgeschichte.

Erst hier setzt nun die Oper The Bassarids von Hans Werner Henze ein, eine Produktion der Salzburger Festspiele aus 2018, die kürzlich bei Arthaus Musik auf DVD Nr. 109422 erschienen ist. Der polnische Regisseur, der als Psychoanalytiker der Oper gilt, ist in erster Linie an den Traumata der handelnden Figuren der auf denBakchenvonEuripides – aus 406 v. Chr. - basierenden antiken, grausamen Geschichte von Wystan Hugh Auden und Chester Simon Kallman interessiert: Pentheus, der Enkel des Gründers von Theben Kadmos, wird König der Stadt. Zur großen Verunsicherung der Situation tragen die Gerüchte von der Rückkehr des Halbgottes Dionysus bei. Zum Schluss eskaliert die Lage: Pentheus wird von der eigenen Mutter geköpft und Theben geht in Flammen auf. Warlikowski zeigt eine zeitlose, aktuelle Story über Radikalisierung und Machtstrukturen sowie die Verführbarkeit der Massen, wobei die Anhänger des Dionysus-Kultes wie blinde Fanatiker, ihrem Idol mordlüstern folgen. Pentheus wird zwar als Vertreter des rationalen Prinzips gezeigt. Er zieht ist jedoch voller Neurosen und zieht ein brutales Unterdrückungssystem mit Folterungen und Hinrichtungen auf.

Die Breitwandbühne der Felsenreitschule ist in drei moderne Einzelräume, die Bühnenbilder hat die ständige Mitstreiterin des Regisseurs Malgorzata Szczesniak erdacht, aufgeteilt, wo Parallelhandlungen stattfinden, die leider nicht alle gleichzeitig beobachtet werden können. Warlikowski bezieht auch die mehrstöckigen Arkaden der Felsenreitschule ein, wo der mit einer Kapuze verhüllte Dionysos das erste Mal geheimnis- und sehr stimmungsvoll erscheint. Mit präzis geführten Figuren und beeindruckenden Bildern, die viel Blut und Nacktheit zeigen, lässt er die beiden Welten, wie auf einer Kinoleinwand, sehr spannend aufeinanderprallen. Manchmal wird es jedoch auch zu viel des Guten und die Bühne wirkt überfachtet.

Hans Werner Henze, der als einer der größten Opernkomponisten des 20. Jahrhunderts gilt, hat eine spannende Musik mit intensiver Sogwirkung geschrieben.  Erfreulich ist, dass das Musikdrama nach der Uraufführung hier im Jahre 1966 jetzt nach 52 Jahren wieder in Salzburg zu hören ist. Die stilistisch reichen, auch spätromantischen Klänge mit Schrankenlosigkeit und Fülle – Dionysos war nun mal der Gott der rauschhaften Maßlosigkeit und Sinnlichkeit - durchaus von melodiöser Schönheit, die aber auch immer wieder von radikalen Brüchen durchzogen sind und von großer rhythmischer Entfaltung sind, werden von den groß besetzten Wiener Philharmonikern, mit einer riesigen ausgelagerten, seitlich situierten Schlagwerkgruppe unter Kent Nagano mit atmosphärischer Dichte und Sensibilität gespielt.

Gesungen wird auf Englisch und eigentlich ohne Schwachstelle: Sean Panikkar ist der geheimnisvolle Dionysos, ein toller Tenor mit ungebrochener heldischer Kraft, von dem man sicher noch hören wird. Russell Braun singt den König Pentheus mit edlem, stets fokussiertem aber auch exzessivem Bariton. Sir Willard White singt den Kadmos sehr sicher und markant. Nikolai Schukoff ist ein höhensicherer und intensiver Seher Teresias und Kalliope im Intermezzo-Spiel „Das Urteil der Kalliope“. Tanja Ariane Baumgartner singt mit famosem Mezzosopran und intensiven Ausdruck die Agave, Mutter von Pentheus. Vera-Lotte Böcker ist eine tadellose Autonoe/Prosperina. Károly Szemerédy ist ein befehlstreuer Captain/Adonis mit schönem Organ. Anna Maria Dur singt die Amme Beroe fein. Der Wiener Staatsopernchor, dessen Einstudierung Huw Rhys James besorgte, singt ebenfalls makellos.

Großer Jubel !

Dr. Helmut Christian Mayer


 

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