"Hänsel und Gretel" von Humperdinck im Stream aus Dresden: Reich an Märchenhaftigkeit

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Immer wieder Schattenspiele, schon bei der Ouvertüre und den Zwischenspielen, ein aus Besen zusammengebundenes Pferd in dem ärmlichen Zimmerchen, ein dunkler Wald aus lauter Stoffbahnen mit einer weiten Palette der Grimm‘schen Märchenfiguren wie Zwergen, Schneewittchen als Tänzerin, Rotkäppchen, dem Wolf in Großmutters Nachthemd, der alten klassischen Hexe aus dem Harzgebirge und vieles mehr, ein kleines Knusperhäuschen aus riesigen Keksen, großen Lutschern und herunterhängenden Bonbons: Der Maler, Bühnen- und Kostümbildner Ezio Toffolutti sprüht nur so vor Ideen in seiner wahrhaft märchenhaften Ausstattung bei Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck aus 2006, wahrscheinlich die Märchenoper schlechthin und meistens die erste Begegnung von Kindern mit dieser Kunstform. Diese Produktion kann jetzt im Stream aus der Sächsischen Staatsoper, der Semperoper Dresden bewundert werden. Katharina Thalbach hat diese Welt der Kinder ebenso märchenhaft mit viel Leben erfüllt. Es herrschen Kinderarbeit und Armut. In der minuziösen Personenführung lässt sich die Armeleuteluft förmlich riechen. Hänsel und Gretel in ihren Biedermeiergewändchen spielen ungemein kindlich, sie zappeln und lümmeln herum, ein teils überdrehtes Spiel und nicht immer am Puls der Musik.

Die Hexe, die mit viel Zucker, Teddys und grüner Götterspeise in ihr Reich lockt, sieht verteufelt anders aus als gewöhnliche Hexen: Ein rothaariger sexy Vamp in Rot, eine famose Charakterstudie von Iris Vermillion, eine Rosina Leckermaul „at her best“, die ungemein präsent und intensiv in Gesang und Spiel ist. Bald gibt sie entlarvend den kahlen Kopf unter der Perücke preis und wird immer hexenhafter. Aber auch sonst gibt es ein gutes Sängerensemble zu hören. Der Hänsel von Antigone Papoulkas ist ein musikalischer Höhepunkt des Abends: vokal gewandt, präsent und farbenreich. Anna Gablers Gretel verfügt über einen sehr sympathischen Spielsopran und man hört sie wunderbar. Beide singen mit jugendlicher Intensität und Fertigkeit. Das Sandmännchen klingt sehr fein und glasklar bei Lydia Teuscher, die als Traumännchen zur Eisprinzessin mutiert. Irmgard Vilsmaier gibt die Mutter stimmgewaltig fast als Wagner-Heroine. Auch Hans-Joachim Ketelsens Vater kommt mit großem, präsentem Ton daher.

Mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden musiziert Michael Hofstetter am Dirigentenpult mit breiten Tempi klar, anfänglich etwas zu eindimensional und mit zu wenig Finessen aber dann doch immer mehr pointiert, dynamisch flexibel und feiner abgestuft.

Das Publikum, darunter viele leuchtende Kinderaugen, die immer wieder von der Kamera eingefangen werden, jubelte zum Schluss gewaltig und spendete viel Applaus!

Dr. Helmut Christian Mayer

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