Grazer Opernhaus: Flotows "Martha" im Narrenhaus

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Deutsche Spielopern sind heute nur mehr spärlich auf den Spielplänen der Opernhäuser zu finden. Auch der Stern der 1847 am Kärntnertortheater in Wien uraufgeführten, klassischen Spiel- und Volksoper „Martha oder der Markt zu Richmond“ von Friedrich von Flotow ist in den letzten Jahren mehr und mehr verblasst ist. Sie erlebt aber gerade jetzt auf deutschen Bühnen, unter anderem in Frankfurt, Regensburg, Detmold, München (am Gärtnerplatztheater - die Wiederaufnahme der legendären Loriot-Inszenierung) aber auch in Innsbruck eine starke Renaissance. Umso erfreulicher, dass sich jetzt ebenso die Grazer Oper, wo das Werk auch seit 37 Jahren nicht mehr gezeigt wurde, dieses Stückes annimmt.

Und da hat man mit Peter Lund einen Regisseur gefunden, dem eine ausgefeilte, detailfreudige, höchst vitale Personenführung auch bei den Massenszenen gelungen ist, die auch nicht mit Gags spart. Er belässt die Handlung auch in der barocken Queen-Anne-Zeit mit geradezu prächtigen Kostümen (Darya Kornysheva) und Kulissen (Ulrike Reinhard). Allerdings erweist sich seine konzeptionelle Idee, die Geschichte vom Markt von Richmond, der nur mehr auf einem Bild in Hintergrund vorkommt, in das „Bethlem Royal Hospital London“, der berühmtesten psychiatrischen Anstalt, die es je gab, zu verlegen als nicht geglückt. Zumal er dann noch den besonderen Kunstgriff anwendet, diese in dieser eingedüsterten Atmosphäre von den Insassen als Theater im Theater spielen zu lassen. Denn es erschließt sich einfach nicht, wie sich dies mit dem eigentlichen Plot der komischen Oper vereinbaren lässt.

Von sehr ambivalenter Qualität sind diesmal die Sänger: Eindeutig auf der Habenseite ist Peter Kellner, seit 2018 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, als Plumkett zu erwähnen, der mit saftig prächtigem Bariton singt und mit großer Präsenz die Bühne dominiert. Unverständlich, warum ihm sein „Porter-Lied“ gestrichen wurde. Kim-Lillian Strebel ist eine etwas eindimensionale Lady Harriet Durham (Martha), zwar mit präzisen Koloraturen aber wenig Farben und Legatobögen. Vor allem das „Rosenlied“ hätte etwas mehr Seele und lyrische Innigkeit vertragen. Ilker Arcayürek hört man als Lyonel mit kleinem Tenor, in der Tiefe manchmal etwas kehlig, aber mit sicherer Höhe. Anna Brull ist eine charmante, spielfreudige Nancy (Julia), der es jedoch für diese Rolle etwas an Tiefe mangelt. Wilfried Zelinka ist ein stimmlich und darstellerisch köstlicher Lord Tristan Mickleford, gekleidet wie ein dekadenter Popanz. Untadelig hört man auch den Chor des Opernhaus Graz, der von Bernhard Schneider einstudiert wurde und die vielen kleineren Rollen.

Bei den vielen eingängigen Melodien setzt Robin Engelen bei den Grazer Philharmonikern mehr auf kräftige Akzente denn auf Feinschliff, auch gibt es fallweise Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben.

Viel Applaus!

 

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