Graz: Strauss "Rosenkavalier" Verschmelzung von Zeit und Raum

Xl_rosenkavalier-__herwig_prammer-graz-5-26-7 © Herwig Prammer

„Die Zeit, die ist ein sonderbar‘ Ding“: Diese tiefsinnigen Worte von Hugo von Hofmannsthal aus dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss nimmt Philipp M. Krenn wörtlich und lässt in seiner Inszenierung am Grazer Opernhaus Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen. Er vermag dabei die Vergänglichkeit der Zeit mit dichten und turbulenten Mitteln zu darzustellen. So wird die ziemlich dekadent präsentierte Gesellschaft am Rande des Untergangs optisch vom Barock über die 1970er bis in die Gegenwart in ebensolchen Kulissen (Momme Hinrichs) und Kostümen (Eva Maria Dessecker) gezeigt. Regen Gebrauch macht der österreichische Regisseur von der Drehbühne, die sich ständig zwischen Foyer, Billardzimmer, Schlafzimmer, Küche etc. bewegt. Dabei erstaunt, wie schnell jeweils die einzelnen Bilder umgebaut werden. Wenn im Libretto wenig passiert, neigt er dazu auch, Projektionen einzusetzen. Nur teils dezent, vielfach reizüberflutend und turbulent sind sein Übermaß an Regieeinfällen. Wobei er bei den musikalisch-magischen Moment durchaus auch die Zeit stillstehen lässt. Die Marschallin erkennt in der jungen Braut Sophie sich selbst wieder und beobachtet im Mittelakt das Geschehen als Erinnerung an ihre eigene Vermählung. Am Ende starrt der eigentlich sonst nicht auftauchende, sehr alt gewordene Feldmarschall neidvoll auf das frische Glück von Octavian und Sophie.

Subtile Sensibilität findet man überwiegend im Musikalischen. Der souveräne Vassilis Christopoulos am Pult weiß die Grazer Philharmoniker zu Höchstleistungen zu animieren. Bis auf so manche zu wenig packende Akzente und zu dynamische Zurückhaltung zugunsten der Sänger werden die silbrigen Raffinessen und der vielfältige Farbenkosmos von Richard Strauss voll ausgekostet.

Teils leichtstimmig aber immer mir schwärmerischer, sanfter und warmer Gesangskultur singt Polina Pastirchak die Marschallin. Sofia Vinnik verleiht dem Octavian jugendliche Kraft, Leidenschaft und stimmliche Souveränität. Tetiana Miyus singt die Sophie mit silbern schillernder Klarheit und höchster Intensität. Vor allem im finalen wunderbaren Terzettgelingen dem Damentrio magische, tiefberührende Klänge. Wilfried Zelinka ist ein eher untypisch eleganter, viel zu zurückhaltender und kaum rüpelhafter Ochs mit seinem schlanken Bass, dem auch die Doppelrolle als normalerweise nicht auftauchender Feldmarschall zum Finale zukommt. Er wird fast ständig von einem Kamerateam begleitet. Ideal besetzt ist Ivan Orescanin als Faninal. Überzeugen können auch Iurie Ciobanu als schmelziger, höhensicherer Sänger, Corinna Koller als Leitmetzerin, Neira Muhic als Annina, Martin Fournier als Valzacchi. Gut auch das übrige Ensemble und der Chor und Kinderchor der Grazer Oper.

Großer Jubel im Publikum!

Dr. Helmut Christian Mayer

 

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