Graz: Die Opernzwillinge "Cavalleria rusticana" von Mascagni und "Pagliacci" von Leoncavallo-Ein uneinheitlicher Totentanz

Xl_cavalleria-bajazzo-graz-10-18-1 © Werner Kmetitsch

Schon einige Minuten bevor die Musik anhebt, erscheint der Clown hinter dem Pianino, klettert umständlich darüber, watschelt langatmig und unwitzig über die Bühne, mischt sich auch später immer wieder beobachtend und agierend unter das Ensemble: Dieser „Pausenclown“ erscheint ebenso entbehrlich wie das unendlich lange Video des herumirrenden Canio zum Intermezzo und der Seelenstriptease einiger Dorfbewohner, die ihre persönlichen Befindlichkeiten nach Unterbrechung des musikalischen Flusses über ein Mikrophon zum „Besten“ geben. Zudem hat Lorenzo Fioroni – er hat in Graz 2016 Martinus „Griechische Passion“ inszeniert - die beiden Opernzwillinge „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni und „Pagliacci“ von Ruggero Leoncavallo ohne inhaltlichen Zugewinn in ein zeitloses, neuzeitliches, sehr plakatives Ambiente (Bühne: Paul Zoller) verlegt: Über einem unschönen Saal mit Sitzbänken und Blumen schwebt bildmächtig eine Wolke mit dem an Michelangelo  gemahnenden,  lieben Gott mit ausgebreiteten Armen. Darunter agieren Menschen in biederen Kostümen, wie altväterische Pollunder und Strickwesten der 80er Jahre. Im „Bajazzo“ wird die hinterhofartige Szene mit Bretterverschlag und Strommasten noch schäbiger. Die mit Totenmasken kostümierte Schauspielertruppe erscheint auf einem mehrstöckigen Wolkenwage. In dessen Zentrum thront Canio ausstaffiert wie Gott, allerdings mit Clownnase und einem unsäglich schrecklichen, rosaroten Kostüm später mit Pudelmütze, in welchem er wie ein lächerlicher Zwerg aussieht. Dieser bunte Totentanz, eine Apokalypse von Engeln, Untoten, Bischöfen und Clowns wird jedoch nicht konsequent verfolgt. Auch ein Theater im Theater gibt es nicht, der Chor nimmt in den Logen und Gängen Aufstellung. Die eigentliche Aufführung wird zu sehr verulkt und der letale Showdown findet dann in einer modernen Küche einer Sozialwohnung statt. Insgesamt erscheint vieles überfrachtet, einiges rätselhaft und ohne Stoffbezug.

Leidenschaft im Spiel in unterschiedlichem Ausmaß ist durchaus erkennbar wie auch im Grazer Philharmonischen Orchester, das von Oksana Lyniv mit großer Präzision geleitet wird: Sie lässt es mit festem Zupack besonders aber nicht nur in den Intermezzi und in der Schlussszene schillern und funkeln und an blühenden, berührenden aber auch packenden Emotionen nicht fehlen.

Unterschiedlich aber doch recht hoch ist das sängerische Niveau: Aldo Di Toro singt sowohl den Turiddu wie auch den Canio mit ausgesprochen schmelzigem, kraftvollen Tenor und verfügt über schöne Höhen. In seiner Paradearie „Lache, Bajazzo“ zeigt er jedoch gegen Ende Ermüdungserscheinungen. Audun Iversen ist ein präsenter Darsteller des Alfio und Tonio, wobei er stimmlich in der zweiten Rolle mit seinem kernig kraftvollen Bariton besser überzeugt, er ist aber auch zu wunderbar weichen Tönen  fähig ist. Ezgi Kutlu kann als Santuzza über mit schönem Material punkten, die Höhe wirkt jedoch etwas eng. Aurelia Florian verfügt als Nedda über ein ausnehmend schönes, flexibles Organ. Mareike Jankowski ist eine kokette und ebenfalls schönstimmige Lola ebenso wie Ivan Orescanin als Liebhaber Silvio. Solide singen Albert Memeti als Peppo wie auch die Grande Dame der Opernszene Cheryl Studer als Mama Lucia. Der fast immer homogen singende Chor des Grazer Opernhauses (Einstudierung: Bernhard Schneider) gefällt auch.

 

Helmut Christian Mayer

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