Gounods „Faust“ an der Wiener Staatsoper: Reizüberflutende Szene trifft exzellente musikalische Umsetzung

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Eine Metro-Station namens Stalingrad, die es wirklich gibt, ein Cola-Automat, eine altertümliche Telefonzelle, ein abgetakeltes Café in den Banlieues, ein Voodoo-Laden, wo der Teufel haust, eine schäbige Wohnung im ersten Stock, wo Marguerite zusammen mit Marthé wohnt. Man sieht auch einen Kirchturm mit Chimären, an Notre-Dame erinnernd: Und dieses Mini-Paris steht komprimiert auf einer Drehbühne (Bühne: Aleksandar Denic), wobei alles zusätzlich noch schäbig angekramt, voll Trash ist und völlig überfrachtet wirkt: So ist der neue „Faust“ von Charles Gounod an der Wiener Staatsoper optisch zu erleben, diesmal noch ohne Publikum und nur für einige wenige Journalisten. Aber so neu ist die Produktion auch wieder nicht, denn sie hatte schon in Stuttgart 2016 Premiere und wurde jetzt im Rahmen der Opern—Einkaufstour von Direktor Bogdan Roscic an die Wiener Staatsoper geholt.

Zudem gibt es ständige Video-Einspielungen auf mehreren Leinwänden, meist live von mehreren Kameras, die von ständig neben dem Protagonisten störend herumhuschenden Kameraleuten bedient werden, wo man das Geschehen aus anderen Perspektiven und in Nahaufnahmen wahrnehmen kann. Aber es gibt auch vorgefertigte Videos von fahrenden Autos am Champs-Elysée, von Personen, die ihr Auto pflegen und Waschmittel und Zahnpasta-Werbung ausgerechnet beim Liebesduett, bei der wunderbaren Arie des Valentin wird blutiges Wasser von den gereinigten Füssen des Sièbel getrunken. Das tote Kind wird im Kinderwagen verbrannt. Aber man kennt ja die detailreichen, ständig reizüberflutenden und von der Musik ablenkenden Stilmittel inklusive der Brechungen von Frank Castorf. Natürlich spielt die Geschichte nicht im Mittelalter sondern in überlagernden Epochen des frühmodernen Paris Mitte des 19. Jahrhunderts und des Paris nach dem zweiten Weltkrieg, als Charles De Gaulle an der Macht war und wo der Algerienkrieg in Videos und Kostümen der Soldaten präsent ist. Dazu werden noch einige, an der Rampe gesprochene oder eingeblendete Texte, etwa von Rimbaud oder Baudelaire, eingeschoben. Faust wird zu Beginn als alter, zitternder Clochard dargestellt, Marguerite als eine verführerisch gewandete Prostituierte aus der Halbwelt, Mephisto als Voodoo Zauberer, der mit Nadeln Puppenherzen durchsticht sowie als beißender Vampir, ausstaffiert mit Tätowierungen, Fellhose und Hufeisen. Wenn die Soldaten vom Krieg heimkehren, schleppt jeder ein abgeschlagenes Haupt eines getöteten Feindes mit.

Es ist wieder einmal nicht die Inszenierung, sondern es sind wieder einmal die Sänger und die Musiker, die diesen Abend zum Ereignis machen. Juan Diego Flórez vollzieht einen Fachwechsel, allerdings hat sein Tenor in den dramatischen Momenten dieser Oper manchmal doch etwas zu wenig Substanz. Aber wunderbar sind sein Timbre, seine Phrasierung, seine Höhe und sein Ausdruck. Nicole Car singt die Marguerite fulminant, mit hoher Dramatik und leuchtenden Höhen. Vor allem im Finale krönt die Australierin, die schon im Herbst hier erstmalig am Haus als Tatjana in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ begeistern konnte, ihre Leistung mit wunderbarer Intensität. Bei ihrer Gebetsszene wird sie von Schlangen umrankt. Statt zu sterben geht sie allerdings auf ein Gläschen ins Caféhaus, vielleicht ist da Gift drinnen. Extrem verschlagen, zynisch und markig, vielleicht etwas monochrom ist der jugendliche Mephisto des Adam Palka, der die Rolle schon in Stuttgart gesungen hat. Schönstimmig erlebt man Etienne Dupuis, er ist übrigens der Ehemann von Nicole Car, als Valentin. Beide gefallen auch schauspielerisch eindrucksvoll bei seinem Tod vor der blutverschmierten Telefonzelle. Sièbel wird von Castorf als Frau dargestellt. Kate Lindsey singt ihn ideal. Monika Bohinec ist eine stark aufgewertete, gut singende Marthe, die im gemeinsamen Zimmer mit Marguerite durchaus auch ein Opiumpfeifchen raucht. Martin Häßler singt den Wagner solide. Anfänglich etwas außer Tritt singt dann der von Thomas Lang einstudierte Staatsopernchor ausgezeichnet. Anfänglich muss er revueartig und schrill daher tanzen.

Im Graben steht wie schon bei der letzten Premiere des Stücks wieder Bertrand de Billy am Pult des Wiener Staatsopernorchesters. Da wird mit viel Raffinement, französischem Parfum und mannigfaltigen Valeurs musiziert. Der eine oder andere Akzent hätte allerdings dramatischer sein können.

Übertragen wird die Produktion am 9. Mail in ORF III und live mit Publikum kann man sie am 19. Mai, dem Tag der Wiedereröffnung nach fast 200 Tagen Opernlockdown erleben.

Dr. Helmut Christian Mayer

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