© Karlheinz Fessl
Das soll noch einmal einer behaupten, die Musik von „Orfeo ed Euridice“ von Christoph Willibald Gluck sei langweilig. Ja, geradezu das Gegenteil ist der Fall, wenn sie so musiziert wird wie jetzt bei der Premiere dieser Reformoper am Stadttheater Klagenfurt. Zu hören ist die italienische Urfassung dieser Azione teatrale aus 1762, pausenlose 80 Minuten lang und ohne Zutaten aus der späteren Pariser Fassung. Mit Verve aber auch Sensibilität steht Michael Hofstetter - der wegen Erkrankung des ursprünglich vorgesehenen Dirigenten in einer späteren Probenphase eingestiegen ist – am Pult. Der ausgesprochene Gluck-Spezialist erreicht beim wie vorgesehen klein besetzen Kärntner Sinfonieorchester im hochgefahrenen Graben, abgesehen von kleinen Intonationsmängeln, kraftvolle Vitalität, ausgefeilte Artikulation und feine, reiche Klangmischungen sowohl bei den pastoralen Idyllen als auch bei den einnehmenden Trauerklagen. Ebenso sind Klänge von großer Eleganz und Stilsicherheit – etwa die Streicher vibratofrei - zu vernehmen, obwohl diese Musik nicht zum musikalischen Alltag des Orchesters gehört.
Auch die sängerische Besetzung lässt keinerlei Wünsche offen: Der Titelheld ist mit einem Countertenor, dem jungen Deutschen Tobias Hechler besetzt. Sängerisch erlebt man ihn mit warmstimmiger Schönheit und einer reichen Gefühlspalette von großer Freude bis zum unerträglichen Schmerz, Darstellerisch agiert er allerdings mit zu zurückhaltender Empathie. Innig, aber auch kraftvoll und glasklar hört man die Engländerin Keri Fuge in der kleineren Partie der Eurydike. Die Mexikanerin Luisa Mordel schwebt als Amor mit roten, ausgebreiteten Federflügeln von oben herab und singt wunderbar rein und flexibel. Glucks Reformoper ist auch eine Choroper: Der Chor des Stadttheaters (Einstudierung: Günter Wallner) weiß ausbalanciert und klangschön zu überzeugen.
Ein Halbrund mit antik anmutenden Torbögen dominiert die Einheitsbühne, ein sehr ästhetisches Bühnenbild (Devin McDonough) mit unterschiedlich suggestiven Lichtstimmungen. Besonders packend ist dabei das mit Blitzen und Donner begleitete Erscheinen der schwarz gekleideten Furien beim Gang von Orpheus in die Unterwelt. Dieser schreitet meist sehr langsam auf der sich fast ständig drehenden Bühne, vielfach umgeben und umtanzt von sieben Tänzerinnen und Tänzern. Diese zeigen ein bewegungsreiches, teils hinreißendes Ballett, während der Chor statisch angelegt ist und meist nur reduziert mit gleichen Handbewegungen wie das Ballett agiert. Für die Choreographie zeichnet Riccardo de Nigris verantwortlich. Diese wirkt viel aktiver und ideenreicher im Gegensatz zur kaum vorhandenen und kaum stattfindenden Inszenierung des Regieduos Carolin Pienkos und Cornelius Obonya, außer bei der Begegnung der beiden Liebenden in der Unterwelt. Beeindruckend sind die für viele Szenen unterschiedlichen Kostüme (Maria Madgé Hörmann), besonders aufwändig und fast kitschig im Schlussbild, bei welchem jeder Chorist ein unterschiedliches, buntes trägt. Und obwohl sich Orpheus in verbotener Weise zu seiner geliebten Eurydike umdreht und diese deshalb auf einem grauen Hügel von lauter aufgeschichteten Toten nochmals stirbt, kommt es zum „lieto fine“, zum Happyend. Eurydike darf leben und die Liebe siegt über dem Tod, was sich in einem wunderbar gesungenen Schlusschor manifestiert.
Dem Publikum hat es uneingeschränkt gefallen: Lautstarker Jubel und stehende Ovationen!
Dr. Helmut Christian Mayer
11. Februar 2026 | Drucken

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