Gefährliches Raubtier voller Sinnlichkeit

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Wien: „Lulu“ von Alban Berg an der Staatsoper in einer hochwertigen musikalischen Realisierung und einer meist packenden Regie

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Eine große Menge schwarz bekleideter Männer umringen sie. Plötzlich zücken alle gleichzeitig jeder ein Messer. Sie stechen zu. Sie lässt einen gellenden, durchdringenden Schrei los während das Orchester im vollen Fortissimo aufschreit. Die Männer gehen auseinander. Jack the Ripper schreitet nach vor und ersticht auch noch brutal die Gräfin Geschwitz während man jetzt erst Lulu erblickt, die blutüberströmt im Rahmen ihres eigenen Bildes bereits tot kauert: So drastisch und packend endet an der Wiener Staatsoper Alban Bergs „Lulu“.

Es ist ein immerwährender Kampf, ein Kampf der Geschlechter, der hier stattfindet. Deswegen lässt Willy Decker die Oper in einer symbolisierten Arena, einem Halbrund mit einigen Leitern und Türen (Ausstattung: Wolfgang Gussmann) und nur mit wenigen Versatzstücken, etwa mit einem Sofa in roten Kussmundform oder mit Schaufensterpuppen, ablaufen. Im Hintergrund sieht man darüber als zweite, dunkle Spielebene, die Stufen eines Amphitheaters. Hier frönen wieder diese schwarz gekleideten Männer dem Voyeurismus, indem sie immer wieder das Geschehen beobachten. Sie vervielfältigen aber auch die Handlung auf der Vorderbühne. Deckers Inszenierung ist nicht neu, sie stammt aus der letzten, damals noch zweiaktigen Produktion der Staatsoper aus 2000, die er nun bereits als dreiaktige, in der von Friedrich Cerha vollendeten Fassung, in Paris 2011 gezeigt und jetzt für Wien weiterentwickelt hat. Er erzählt die deprimierende Geschichte der Lulu nach zwei Dramen von Frank Wedekind – „Der Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ - über sexuelle Hörigkeit und triebhaftes Verfallensein nach einer kurzen, weniger aufregenden Anlaufzeit bis zum grausigen Ende symbol-, detailreich und fesselnd.

Diese „zwölftönende“ Oper, ein musikalisch höchst diffiziles Werk, mit der Alban Berg an die Grenzen des Spielbaren vorgestoßen ist, ist vom präzise schlagenden Ingo Metzmacher im Orchester der Wiener Staatsoper sehr analytisch mit klanglicher Durchsichtigkeit dieser komplexen und technisch höchst vertrackten Partitur, mit hoher Ausdruckskraft und enormer Spannkraft und Emotionalität zu erleben. Zudem wird aus der Lulu-Musik eine sehr hohe Sinnlichkeit und gewaltige Sogwirkung entlockt.

Die Protagonisten werden den außerordentlichen, stimmlichen Anforderungen überwiegend gerecht. Agneta Eichenholz meistert mit ihrem schlanken, etwas kleinen Sopran die kräfteraubende Riesenpartie der Lulu mit fesselnder Ausdruckskraft und allen kaum singbaren Höhen. Darstellerisch hätte ihre multiple Persönlichkeit von Naivität aber auch Durchtriebenheit noch Luft nach oben. Von großer Bühnenpräsenz ist Bo Skovhus als  getriebener und zerrissener Dr. Schön und Jack the Ripper, der auch stimmlich eindringlich zeigt, wie er dieser Frau rettungslos verfallen ist. Ausdrucksstark und stimmgewaltig singen Angela Denoke die Luluverehrerin Gräfin Geschwitz und Jörg Schneider den Maler. Herbert Lippert gefällt als lyrischer Alwa. Franz Grundheber verleiht der Figur des Schigolch eher gemütliche denn dämonische Züge. Markig tritt Wolfgang Bankl als Tierbändiger/Athlet auf. Auch die kleineren Rollen, wie sind gut besetzt.

Großer Jubel beim Premierenpublikum!

Helmut Christian Mayer

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