Filmoper des sirene Operntheaters Wien: Eine lebensrettende Verwechslung

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Es war im Jahre 1981: In der Deutschen Demokratischen Republik herrschte höchste Repression mit fast totaler Überwachung durch die Stasi. Der Teenager Gustav ist eingebettet in karge, beengte Wohnverhältnisse und eine spießige Familie, deren Personen in ständiger Angst, aber auch Denunziantentum sowie zivilem Aufbegehren leben. Gustav sehnt sich nach Freiheit und wird als er im Freien eine Fahne mit dieser Aufschrift schwenkt und dazu noch moderne Musik spielt, verhaftet und gerät in die Mühlen des DDR-Systems. Nach massiven Folterungen im Gefängnis, die fast zu seinem Tode führen, kommt es im Krankenhaus dank einer barmherzigen Schwester zu einer Verwechslung, die zu seiner Entlassung und der Möglichkeit führt, in den Westen zu gelangen: Das ist die Geschichte von „Die Verwechslung“ von Thomas Cornelius Desi (Musik) sowie Helga Utz (Text), die jetzt von sirene-Operntheater in Kooperation mit „Wien modern“ Pandemie bedingt nicht gezeigt werden konnte. Deswegen hat Kristine Tornquist daraus einen gekonnt stimmigen Opernfilm gemacht, der jetzt Online gestellt wurde. Eigentlich ist diese neue Kammeroper der letzte und siebente Teil des bereits im letzten September in Wien gestarteten Kammeropern-Festivals „Die Verbesserung der Welt“ von sieben in Auftrag gegebenen Kurzopern zum Thema „Barmherzigkeit“, lauter Uraufführungen, wobei die ersten sechs noch wie geplant vor Publikum live gezeigt werden konnten.

Die filmische Version hat große Reize: Es sind unterschiedlichste, auch ungewohnte Perspektiven und Nahaufnahmen zu sehen, wie auch Rückblenden, Zeitlupenaufnahmen und viele verdichtende Schnitte, wobei die Kamera den Protagonisten auch in verschiedenste Räume nachfolgt. Einzelne Szenen sind ganz blass, fast in Schwarz/Weiß gedreht. Die Ausstattung ist ganz typisch für die 80er Jahre: die Tapeten, das Mobiliar, der alte Kassettenrekorder und das altertümliche Telefon, die altväterischen Kostüme, die Bilder, von denen im Krankenhaus sogar Erich Honegger herunterlächelt.

Auch die Sprache des Librettos ist an die 80er Jahre angepasst. Bei der Musik changiert der Vorarlberger Komponist Thomas Cornelius Desi zwischen Sprechgesang, was naturgemäß die Textverständlichkeit immens fördert, und eigentlichem Gesang, der aber kaum ariose Stellen aufweist. Meist sind langgezogene Phrasen von nur einzelnen Tönen bei den Sängern zu hören. Diese wurden als Typen für die Rollen wunderbar ausgewählt und singen alle untadelig: Johannes Czernin hört man als langhaarigen, introvertierten, eigenbrödlerischen und systemkritischen Gustav mit reinsten tenoralen Tönen. Er dröhnt sich mit „Ost-Rock“ aus seinem alten Kassettenrecorder zu und landet mit dem sich nach Freiheit sehnenden Song „Please release me-ostseefisch“ fast einen Ohrwurm. Mit Unverständnis und Weltfremdheit erlebt man als Oma Ingrid Haselberger, deren Kinderlied hart an der Kitschgrenze schrammt. Intensiv leidend und besorgt spielt und singt Günther Strahlegger den Vater. Katrin Targo ist die denunzierende Tante Ilse, die mit einem Stasi-Mann und stimmgewaltigen Bösewicht Kari Rakkola offenbar ein Verhältnis hat. In kaum singbaren, höchsten Tönen fasziniert Marelize Gerber als rettende, engelhafte Krankenschwester.

Beim Dirigenten Francois-Pierre Descamps und dem österreichischen ensemble für neue musik ist die polystilistische Musik von Desi in besten Händen: Die teils penetrant bohrenden Töne, die stampfenden Rhythmen, das Schreibmaschinengeklapper bei der Verhörszene aber auch die berührenden Streichertöne, und die atmosphärisch meditativen anmutenden Vokalismen zum Finale in einem konzertanten elegischen Abgesang werden ideal wiedergegeben.   

Fazit: Ein starkes Lebenszeichen der freien Wiener Opernszene und des Intendantenpaars Jury Everhartz und Kristine Tornquist vom „sirene Operntheaters“!

Dr. Helmut Christian Mayer

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