Erster Liederabend an der Wiener Staatsoper: Reichschattierte weiche und mächtige Töne

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Nur ganz schütter war das Parkett besetzt. Die Logen, die Ränge, der Stehplatz völlig leer. Statt der möglichen weit über 2.000 Besucher verloren sich nur 100 Zuschauer im Publikum, mehr waren auf Grund der Covid19 Verordnungen ja nicht erlaubt. Man hatte sich sogar die Mühe gemacht, alle Klappflächen all jener Sitze zu entfernen, die man nicht anbieten durfte. Aber die Stimmung im Publikum war gut und man freute sich riesig, dass die Wiener Staatsoper wieder spielt: Ein bunt gemischtes Programm mit hochkarätigen Gästen und Ensemblemitgliedern, deren Aufführungen nach Veröffentlichung innerhalb von 30 Minuten ausverkauft waren und auch im Livestream übertragen wurde.

Günther Groissböck machte den Anfang. Im Schlepptau hatte er den Intendanten des Staatstheaters von Wiesbaden Uwe Eric Laufenberg, mit dem er auch schon mit diesem Programm im dortigen Haus zu erleben war. Dieser rezitierte zwischen den Liedern immer wieder Texte von Goethe, Schiller und Brecht, offenbar um dem Sänger ein paar Atempausen zu vergönnen. Denn gesungen wurde ohne Pause und der österreichische, beim Publikum sehr beliebte Bass von Weltformat machte es sich nicht leicht. Denn nach den geplanten 75 Minuten, hängte er noch rund 40 Minuten an und sang gleich als erste Zugabe immer noch mit großer Stimmkraft  „Wotans Abschied“ samt „Feuerzauber“ aus der „Walküre“ von Richard Wagner. Das ist eine Rolle, mit der er diesen Sommer im mittlerweile abgesagten Bayreuther „Ring des Nibelungen“ hätte debütieren sollen. Nun wird es das Debüt im April 2021 hier an der Wiener Staatsoper geben, worauf man sich besonders freuen darf, nachdem was man hier eben gehört hat.

Zuvor gab es ein maßgeschneidertes Pandemie-Programm hauptsächlich mit Liedern des Obermelancholikers Franz Schubert, die von Hoffnung wie auch Schicksalsschwere und mehr handeln, etwa mit dem Blumenträumen des „Prometheus“ oder den „Grenzen der Menschheit“ aber auch mit „Am Strome oder „Der Sieg“. Groissböck hatte auch den Atem um weite Phrasen zu durchschreiten, wie bei Carl Loewes Schauerballade „Odins Meeresritt“ und er faszinierte mit erstaunlicher Höhe bei „Der heilige Franziskus“. Zum Ereignis wurde Gustav Mahlers „Urlicht“ aus des „Knaben Wunderhorn“, auch im 4. Satz seiner 2. Symphonie zu erlauschen, das ungemein innig und balsamisch weich gesungen wurde. Und weil es so schön war, gab er als zweite Zugabe noch „die beiden Grenadiere“ von Robert Schumanns, der am Konzerttag Geburtstag hatte.

All dies erklang bei Günther Groissböck mit wunderbarer, wortdeutlicher Artikulation, feiner Legatokultur, ungemein fassetten- und kontrastreich, mit viel weichem Süßholz und tiefem Ausdruck aber auch kraftvoller Dramatik seines prachtvollen Basses.

Uneitel, einfühlsam und prächtig wurde er begleitet von der moldawischen Pianistin Alexandra Goloubitskaia.

Die Anwesenden spendeten stehende Ovationen und Jubel, der als weit mehr als von 100 Personen klang.

Dr. Helmut Christian Mayer

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