"Elektra" an der Wiener Staatsoper - Mörderischer Fahrstuhl in die Hölle

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Ein mörderischer Aufzug in die Hölle

Dunkel, bedrückend, heruntergekommen ist das Souterrain. Es ist ein Hort des Unheimlichen, des Unbewussten, der Angst mit einem Kohlenkeller und einem verdreckten Bad, wo der Mord an Agamemnon passiert sein könnte. Denn hier hackt Elektra das Beil in die Wand. Hier würgt sie ihre Mutter. Hier werden nackte, blutverschmierte Frauen, offensichtlich Sympathisantinnen von Agamemnon von uniformierten „KZ-Aufseherinnen“ des herrschenden Regimes gequält und mit dem Schlauch abgespritzt.  In diese Hölle kommt man von den oberen Etagen des Palastes nur mit einem Aufzug, einem Paternoster (Bühne: Rolf Glittenberg), in welchem Klytämnestra  herabschwebt und in welchem auch die schaurigen Morde passieren.

In seiner ersten Regie an der Staatsoper aus 2015 zeigt Uwe Eric Laufenberg Richard Strauss „Elektra“ weg von jeglicher Antikisierung und lässt sie zur Entstehungszeit der Oper, Anfang des 20. Jahrhunderts spielen, als die Psychoanalyse Freuds schon im Kommen war. Gezeigt wird eine in sich schlüssige Konzeption, eine durchaus spannende Familiengeschichte, die jedoch mehr aktive Personenführung vertragen hätte. Gekonnt zeigt er die von Hass, Rachegelüsten und Fanatismus besessene Elektra, in einem Hosenanzug wie ein Mann gekleidet (Kostüme: Marianne Glittenberg).  Wie Reliquien bewahrt sie in einem Koffer die Uniform des Agamemnon, seine Pistole wie auch das seinen Tod bringenden Beil auf.  Wenn Laufenberg allerdings zum Finale wie in einem Horrorfilm unzählige verstümmelte Leichen im Aufzug auf und abfahren lässt, wird er übertrieben plakativ. Junge Menschen freuen sich schließlich tanzend über das Ende der Schreckensherrschaft. Elektra stirbt nicht sondern ist plötzlich verschwunden.

Ungemein stark ist ihre Bühnenpräsenz, messerscharf ihre Autorität, enorm ihre Wortdeutlichkeit und vielfältig die Vokalfarben: Waltraud Meier als morbide Klytämnestra im Rollstuhl gibt ein sehr differenziertes Rollenporträt. Bei dieser Wiederaufnahme an der Wiener Staatsoper ist sie zweifellos als erste zu nennen. In der Titelpartie weiß Elena Pankratova mit großem Durchhaltevermögen, extremen Spitzentönen, Farben und Fassetten, davon auch viele lyrische Momente zu begeistern und hat die erkrankte Evelyn Herlitzius voll ersetzt. Allein ihre manchmal mangelnde Textverständlichkeit schmälert den Gesamteindruck. Gun-Brit Barkmin singt die Chrysothemis blühend und durchschlagskräftig. Johan Reuter ist ein bühnenpräsenter, stimmgewaltiger Orest, vor allem die Erkennungsszene beeindruckt. Norbert Ernst im Outfit eines Diktators ist ein feinstimmiger Aegisth. Auch das übrige Ensemble ist tadellos besetzt.

Ingo Metzmacher dirigiert mit packendem Zugriff und energischen Gesten. Es gelingt ihm, im Orchester der Wiener Staatsoper mitreißende Spannung und luxuriöse Klangpracht zu entfalten, die kaum zu laut wird. Er spannt die dynamischen Bögen teilweise bis zum Zerreißen. Großer Jubel!

Helmut Christian Mayer

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