Eine Perle aus der Opernschatzkiste: Szymanowskis "König Roger" am Grazer Opernhaus

Xl_k_nig_roger-graz-2-19-1

Eigentlich ist es kaum verständlich, warum Karol Szymanowskis Oper „König Roger“ (Die Uraufführung fand 1926 in Warschau statt) nicht öfters aufgeführt wird. An der Musik kann es wohl nicht liegen, denn die Oper des polnischen Komponisten (1882-1937) enthält eine ausgesprochen klangschöne, ergreifende Orchestersprache, die von der lapidaren Strenge eines Mussorgskys bis hin zu den luxurierend-impressionistischen Farben eines Debussy changiert aber immer eine ungemein kraftvolle Individualität ausweist und wunderbare Stimmungen auslotet. Der Grund dürfte wohl eher daran liegen, weil das zwischen Oratorium, Mysterienspiel und Oper angesiedelte Werk, kaum eine Handlung aufweist und stark von Symbolismus und exotischem Mystizismus durchzogen ist: Ein geheimnisvoller Hirte, kein Geringerer als der Gott Dionysos, predigt den unbedingten Glauben an Freiheit, Schönheit und Liebe und bringt damit die starren gesellschaftlichen Normen am Hof des mittelalterlichen Normannenkönigs Roger II.  im 12. Jahrhundert zum Einsturz. Von diesem verzaubert, entsagt der König gemeinsam mit seiner Gattin Roxane dem irdischen Treiben und ergibt sich in einem Tempel der Vorzeit den dionysischen Mysterien hin.

Deswegen ist es der Intendantin Nora Schmid der Grazer Oper hoch anzurechnen, wie jedes Jahr auch diese Saison, ein Musikdrama aus den Rändern des Repertoires aufzuführen.

Beachtlich erweist sich das Ensemble, das vor höchste Ansprüche gestellt wird und in polnischer Originalsprache singt: Kay Stiefermann für den erkrankten Markus Butter eingesprungen in der Titelrolle singt zwar kraftvoll und intensiv aber leider etwas knorrig und vibratoreich. Andrzej Lambert ist ein helltimbrierter, höhensicherer Hirte (Dionysos). Schon an den Vortragsbezeichnungen lassen sich die beiden Protagonisten unterscheiden: Helle, weiche Orchesterfarben beim Hirten, in der Instrumentation dominieren Flöten, hohe Streicher, ein flautando Charakter, während bei Roger die tiefen Streicher und Posaunen den Klang dominieren. Man könnte die Musik des Hirten auch als impressionistisch, die Rogers als expressionistisch bezeichnen. Manuel von Senden arabischer Berater Edrisi des Königs ist von hoher stimmlicher Prägnanz. Aurelia Florian als Roxane ist von betörender Tonreinheit und jugendlicher Emphase, Wilfried Zelinka ein profunder Erzbischof. Der vielbeschäftigte Chor und auch der Kinderchor, die Singschul' des Hauses (Einstudierung: Bernhard Schneider) singen exzellent.

Die Grazer Philharmoniker unter ihrem designierten Chefdirigenten Roland Kluttig wissen die schillernde, farbige Klangsprache wunderbar, transparent und nur manchmal die Sänger etwas zudeckend, umzusetzen.

Offenbar bewusst im Gegensatz zur Üppigkeit der Musik setzt Holger Müller-Brandes auf eine spröde und herbe, sehr reduzierte Bilder- und Bewegungssprache und in schwarzen Kostümen. Oratorienhaft streng ist die Reise von Roger vom Dunkel ins Licht, wobei der Regisseur die psychologischen, inneren Vorgänge der Figuren sichtbar macht. Symbolistisch verrätselt auf der ansonsten leergeräumten Szene sind die Bühnenelemente mit einer Schräge (Ausstattung: Katrin Lea Tag) und einer goldenen Grube mit Wasser, die sich später zu einem Thron aufrichtet. Im letzten Bild ist dann die Bühne mit schmutziger Erde bedeckt, auf welcher die Figuren hauptsächlich liegen und herumkriechen um sich dann schließlich in einen Mini-Sonnenuntergang in den Hintergrund zu bewegen. Für die furienhafte, eindrucksvolle Choreographie des wunderbar tanzenden Balletts des Hauses zeichnet Beate Vollack verantwortlich.

Viel Applaus!

Dr. Helmut Christian Mayer

 

| Drucken

Kommentare

Loading