"Der Rosenkavalier" Wiener Staatsoper 1994 mit Carlos Kleiber am Pult

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Carlos Kleiber stellte als scheinbar unnahbares, unergründliches und vermeintlich so schwieriges Genie die Musikwelt vor Rätsel. Denn er kämpfte mit der Alltagsroutine der Orchester und des Musiktheaters. Seine unerbittlichen Forderungen bezüglich Proben, Besetzungen, Einsatz und Disziplin lösten immer wieder Krisen aus. Allzu leicht wurde dieser sensible, hochintelligente, charmante, humorvolle, zuweilen zynische und zornige Mann als exzentrisch missverstanden, auch wegen seiner spektakulären Absagen, seiner kuriosen und kurzen Schallplattengeschichte und seiner Verweigerung gegenüber der Öffentlichkeit. Kleiber jedoch fühlte sich alleine der Musik verpflichtet, stellte extreme Ansprüche an sich selbst und andere, arbeitete akribisch und nahezu besessen daran, jedes Werk im Geiste seines Schöpfers erblühen zu lassen.Carlos Kleiber galt schon bald als lebende Legende, als einzigartiges Phänomen in der klassischen Musikgeschichte mit einer ebenso glanzvollen wie eigentümlichen Karriere. Ab den 70er-Jahren feierte Kleiber Triumphe an den großen Häusern und mit den bedeutendsten Orchestern der Welt.

Und wenn er dirigierte, waren die musikalischen Aufführungen immer von außergewöhnlicher, ja phänomenaler Qualität. Routine gab es bei ihm nie und er ließ auch keine aufkommen, denn er bereitete sich auf jede Vorstellung immer akribisch vor und verlangte immer Proben. Und die Sänger wie auch die Musiker mussten alles geben. So auch beim legendären Rosenkavalier von Richard Strauss aus dem Jahre 1994, der jetzt von der Wiener Staatsoper gestreamt wurde. Da legte der damals 64-Jährige im Orchester der Wiener Staatsoper den Sängern einen schillernden und glitzernden Klangteppich zu Füßen, der Seinesgleichen suchte. Er entlockte der Partitur ungehörte Schattierungen, schuf faszinierende Bögen und Übergange, faszinierte mit Eleganz, leidenschaftlicher Rasanz und farbiger Poesie, klar, mitreißend dynamisch und schneidend rhythmisch.

Von erster Sahne war auch das Sängerensemble: „Hab mir‘s gelobt…!“ Mit diesen berührenden Worten entlässt die reife Feldmarschallin ihren Geliebten Octavian aus ihrer Liebesbeziehung - durch ihren Verzicht beweist sie unglaubliche, menschliche Größe und ermöglicht die Liebe zweier junger Menschen. Zwischen irdischer Vergänglichkeit und aufkeimender Liebe sind eine weise, ältere Dame, ein ungestümes junges Paar und ein witziger aristokratischer Pleitegeier (ein umwerfend komischer Kurt Moll mit wunderbar weichem Bass als Baron Ochs), der mit einer Heirat sein finanzielles Schlamassel bereinigen will. Felicity Lott war eine gefühlvolle und innige Feldmarschallin mit einem blühenden, jugendlich klingenden Sopran. Anne Sofie von Otter war nicht nur optisch und nicht nur wegen ihrer Bühnenpräsenz, sondern auch wegen ihres wunderbar weich tönenden Mezzos ein idealer Octavian. Barbara Bonney sang die Sophie mit empfindsam glockenreinem Sopran. Gottfried Hornik war ein kerniger Faninal. Als Valzacchi konnte man den unverwüstlichen Heinz Zednik mit viel Witz und schauspielerisch gelungenen Einlagen bewundern. Anna Gonda war eine solide Annina. Keith Ikaia-Purdy, zur damaligen Zeit so etwas wie der Haustenor, gab eindrucksvoll und mit viel Schmelz den Sänger. Peter Wimberger war ein kraftvoller Polizeikommissär. Der damals noch ganz junge Wolfgang Bankl sang einen idealen Notar.

So wie auch noch heute im Programm der Staatsoper funktioniert die traditionelle, Uralt- Inszenierung von Otto Schenk in den historischen Bühnenbildern und Kostümen immer noch bestens, wo sich alle Protagonisten recht gut zurechtfinden.

Zum Schluss gab es reichlich Applaus und Jubel, am meisten für den Dirigenten Carlos Kleiber. Und es sollte mit diesem, seinem geliebten „Rosenkavalier“, den er im selben Jahr 1994 noch auf einer Japantournee mit den Wiener Philharmonikern musizierte, sein letzter Opernauftritt sein. 1999 zog er sich enttäuscht vom Musikbetrieb ganz zurück, im Jahre 2004 ist er leider verstorben.

Dr. Helmut Christian Mayer

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