Carinthischer Sommer: Expressive Klänge bei der Uraufführung der Oper "Jeanne d'Arc" von Johannes Kalitzke

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„Komm Nacht, gieß‘ deine Stille aus wie Honig…“: Schlicht und gefasst beginnt Johannas Schlussgesang, ein tröstlicher Nachtgesang der Hoffnung, während die Schauspielerin (Maria Falconetti) im Film auf den drei großen Leinwänden  mit weit aufgerissenen Augen und kahl geschorenem Kopf am Scheiterhaufens ihre letzten Minuten von Flammen und Rauch umgeben, durchlebt hat: So emotional aufwühlend ist trotz der nüchternen Atmosphäre der Villacher Stadthalle aber nicht nur das Finale der Uraufführung der Kirchen-Filmoper „Jeanne d’Arc“ von Johannes Kalitzke (Libretto: Kristine Tornquist), ein Auftragswerk des Carinthischen Sommers, sondern der gesamte Abend.

Denn hochexpressiv ist die Stimmung, die durch ausdruckstarke und hochkomplexe Klänge erzeugt wird. Es ist eine weite Palette, angereichert mit Elektronik und geschickt ausgeführten, verfremdeten Zitaten aus der Musikhistorie - wie etwa aus der klassischen Requiem-Liturgie oder einer Missa von Guillaume Duffay, - die uns Kalitzke in seinem neuesten nunmehrigen sechsten Musikdrama (Im Theater an der Wien wurde etwa 2005 erfolgreich seine Oper „Die Besessenen“ aufgeführt)  vorsetzt. Trotz des Kontrastreichtums fügt und verdichtet sich die ganz eigene, aber doch sehr zugängliche Tonsprache mit gewaltigen Steigerungen und viel Schlagwerk letztlich zu einem packenden, musikalischen Ganzen und blüht manchmal regelrecht zu feierlichen, himmlischen Klängen auf. Genauso werden die extrem diffizilen und speziell von der Metrik höchst kompliziert zu spielenden, vielfach nur reinen Instrumentalklänge unter der präzisen Stabführung des 61-jährigen deutschen Komponisten sowie zwei Subdirigenten für Chor und die Sängerknaben vom souverän und konzentriert musizierenden Kärntner Sinfonieorchester umgesetzt. Die Musik unterlegt wie eine deskriptive Filmmusik teils punktgenau die Handlung des ungemein berührenden und detailreichen Stummfilms aus 1928 von Carl Theodor Dreyer, der sich bei der bekannten Legende der später heiliggesprochenen Johanna von Orleans, die sich berufen fühlte in Frankreich ein Heer im Krieg gegen die Engländer anzuführen, auf Szenen des Prozesses sowie der grausamen Hinrichtung beschränkt. So plastisch, in Bezug auf Perspektiven und Mimik der exquisiten Schauspieler von damals wird der Plot im Film geschildert, dass man davon manchmal doch von der Musik abgelenkt wird.

.Verstärkt und nicht ganz textverständlich wegen der Akustik der Halle hört man die Stimmgabeln benutzende Sänger: In der Titelrolle erlebt man Michaela Selinger, die 2004 und 2005 am Stadttheater Klagenfurt als Dorabella in Mozarts „Cosi“ und Polina in Tschaikowskys „Pique Dame“ und dann mehrere Jahre Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper zu hören war, mit wunderbarem, nuancenreichen, intensiv geführtem Mezzo. Katharina Magiera (Mutter und Polizistin) und Klemens Sander (Vater und Polizist) singen tadellos. Als Engel zu hören sind vier rein singende Solisten der St. Florianer Sängerknaben sowie Solistinnen des Philharmonia Chores Wien wie auch dieser gesamte Chor (Einstudierung: Walter Zeh), der klangvoll und präzise die schwierigen Passagen der Musik bewältigt.

Nächstes Jahr ist beim Kärntner Festival übrigens eine szenische Aufführung des Werkes geplant.

Viel Applaus!

Dr. Helmut Christian Mayer

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