Beethovens "Fildelio" am Theater an der Wien im TV: Gefangen im Treppenhauses

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Es hätte im Beethoven-Jubiläumsjahr (250. Geburtstag) eigentlich einer der Höhepunkte und „die“ Opernaufführung der Saison am Theater an der Wien werden sollen. Denn hier am Uraufführungsort war Hollywood-Star und  zweifacher Oscar-Preisträger Christoph Waltz als Regisseur für Ludwig van Beethovens einziger Oper „Fidelio“ angesagt und so waren auch alle geplanten Vorstellungen ausverkauft. Allein es kam anders, denn wie die Corona-Krise fast das gesamte Kulturleben, insbesondere auch Opern- Konzert- und Theateraufführungen nun schon weltweit völlig lahmlegt, so musste auch diese mit Spannung erwartete Produktion abgesagt werden. Da aber die Proben schon in der Endphase waren, entschloss man sich seitens der Theaterleitung gemeinsam mit dem ORF, die Opernproduktion ohne Publikum aufzuzeichnen und im TV zu senden, deren exzellente Bildregie dem Routinier Emil Breisach oblag.

Und da beeindruckt gleichmal die geschwungene, ineinander verwobene, Treppenlandschaft, die ins Unendliche zu führen scheint. Sie strahlt eine kühle, abstrakte Ästhetik aus und wurde vom amerikanisch-deutschen Architekturbüro Barkow Leibinger entworfen. Die Treppen wirken abends auch wie Schneckenhaus, symbolträchtig wie ein Kerker, in dem derzeit die gesamte Welt gefangen zu sein scheint. Vor dem musikalischen Start wird gleich einmal Florestan von oben die Treppen hinuntergestoßen und er fällt tief. Erst dann setzt man mit der Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 ein. Eigentlich wird nicht die Urfassung „Leonore“ aus 1805 und auch nicht der heute übliche „Fidelio“ aus 1814 gespielt, sondern die von Beethoven geschaffene, sogenannte Zweitfassung aus 1806, die auch hier am Theater an der Wien am 29.3.1806 erstmalig gezeigt wurde. Und sie wurde mit einigen zusätzlichen Arien aus anderen Fassungen, etwa Roccos „Goldarie“ angereichert, dafür wurden Dialoge stark reduziert bzw. teils verändert.

Während der Schauspieler Christoph Waltz bei seiner dritten Opernregie das Paar Marzelline und Jacquino, besonders bei ihrem Streit, anfänglich recht detailliert führt, wirkt seine weitere Personenführung schnörkellos, kühl und sehr reduziert. Großteils beschränkt er sich in der weiteren Folge auf das ästhetische Arrangieren des Chors und der Protagonisten, die alle in Mao-Uniformen (Kostüme: Judith Holste) auftreten, im Treppenhaus, denn zu viele Stufen schränken bekanntlich die Bewegungsmöglichkeiten extrem ein. Während er die Kerkerszene von Florestan in abgedunkelten Lichtstimmungen in diesem Einheitsbühnenbild spielen lässt, wird das Finale im gleißenden Licht gezeigt. Aber Waltz misstraut dem vorgesehenen Happyend, sondern lässt zum Finale alle Figuren planlos herumwandern. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit scheinen für ihn auch heute noch uneinlösbare Utopien zu sein.

„Gott, welch’ Dunkel hier…“: Eric Cutler bewältigt nicht nur seine berühmte Arie sondern auch sonst die extrem diffizile Partie des Florestan durchaus mit allen Tönen, jedoch ist sein Timbre nicht besonders ansprechend und sein Tenor wirkt schon etwas verbraucht. Ein Prüfstein für alle dramatischen Soprane ist die Rolle der Leonore. Nicole Chevalier beeindruckt mit toller Mittelage in den lyrischen Phasen mehr als in den dramatischen, die etwas scharf klingen.  Weich aber etwas bieder erklingt der Rocco des Christof Fischesser. Gábor Bretz ist darstellerisch ein bösartiger Don Pizarro, dem es jedoch etwas an schwarzer Tiefe und Kraft mangelt. Fein erklingt hingegen der lyrische Sopran der Mélissa Petit als Marzelline, geschmeidig jener des Benjamin Hulett als Jaquino. Mit viel Vibrato erlebt man den Don Fernando des Károly Szemerédy. Stimmgewaltig und homogen singt der Arnold Schönberg Chor, der von Erwin Ortner einstudiert wurde. Sehr berührend ist dabei der berühmte Gefangenenchor zu hören.

Manfred Honeck erzeugt bei den Wiener Symphonikern eine energiegeladene und schlanke Lesart von Beethovens Partitur. Nuancen- und farbenreich musizieren die Musiker, bei denen sein Bruder Rainer Honeck als Leihgabe von den Wiener Philharmoniker als Konzertmeister fungiert, unter seinem Dirigat.

Zum Schluss spenden sich die Sänger mangels Publikums gegenseitig Applaus. Der sich sichtlich freuende Regisseur fällt dem Dirigenten um den Hals.

Dr. Helmut Christian Mayer

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