Zärtlich unverkrampftes Puppenspiel als Barockoper in Versailles

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Ehrfürchtig nähert sich der Zuschauer durch einen langen Gang begleitet von den Blicken der aufgereihten französischen Könige in der Ahnengalerie bevor er durch ein bescheidenes Stiegenhaus in den Zuschauerraum gelangt. Prunkvoll in Gold und königlichem Hellblau ist der Innenraum der Opera Royale des majestätischen Schlosses Versailles gestaltet. Kristallluster hängen üppig von der Decke. Mit blauen Samt sind die Sitzbänke und Sessel überzogen. Königliche Pracht und höfisches Ambiente atmet noch heute in diesen Wänden. Hier könnte jeden Augenblick der Hofstaat Platz nehmen und der König sich amüsieren. Dies ist aber jetzt glücklicherweise auch für den Otto Normalverbraucher möglich, soweit es ihm gelingt eine der begehrten Karten für die „Versailles Spectacles“ zu ergattern. Ausnehmend schlicht mutet hierzu der Bühnenaufbau bzw das Bühnenbild, welches der gefeierte südafrikanische Konzeptkünstler William Kentridge für seine Regie der frühen Barockoper Il ritorno d'Ulysse von Claudio Monteverdi gewählt hat. Den ersten anatomischen Theatern der frühen barocken Universitäten nachempfunden, sehen wir einen halbrunden dreistufigen Bühnenaufbau mit feiner Brüstung. Auf der ersten Stufe haben die Musiker des Ricercar Consort Platz genommen, die auf Originalinstrumenten die musikalische Gestaltung dieses lange vergessenen Werkes von Claudio Monteverdi unter der Führung von Philippe Pierlot feinfühlig übernehmen. In Wien wurden nur Fragmente und das Libretto zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefunden. So besteht viel gestalterischer Spielraum aber auch Anspruch an die musikalische Gestaltung die der Consort mit wenigen ausgewählten Barockinstrumenten klang- und formschön umsetzt. Über dem Aufbau und in ihm mit einem Holzrahmen integriert thront eine Videowand auf der die typischen schwarz weissen Zeichnungen Kentridge's in einer Videosequenz gepaart mit Landschaftsaufnahmen als malerischer Hintergrund der Erzählung fungieren. Der Entstehungszeit angelehnt setzt er in der Gestaltung des Abends Puppen für die Darstellung der Protagonisten ein. Diese wurden von ihm entworfen und von der südafrikanischen "Marionettistes Handspring Puppet Company" liebevoll geschnitzt und bespielt. Nach einer kurzen Gewöhnungsphase an das rege Treiben von Puppe, Puppenspieler und Sänger konzentriert sich das Auge leicht auf den Habitus der Puppen im Zusammenspiel mit der Videoleinwand und die Handlung gewinnt an Spannung und Intimität. Auch die philosophischen Gedanken im Prolog erhalten ihre Echographie in bewegten Zeichnungen des menschlichen Körpers, der in Schichten zerlegt und wieder zusammengesetzt wird. Eine anschauliche unaufdringliche Erzählweise für jedes Alter geeignet ohne Anspruch auf Gesellschaftskritik oder Provokation. Ganz dem barocken Stil des Gesanges mit weltlichen Verzierungen und verschnörkelten Läufen und Trillern sind die Gesangspartien ausgestaltet, die ausnahmslos von ausgewiesenen Barockspezialisten die übernommen wurden. Jeffrey Thompson singt in verschiedenen Facetten mit klarer Intonation in anspruchsvollen Koloraturen den Ulysse, Romina Basso ist eine geläuterte elegante Penelope, die standhaft königlich ihrem Schicksal gegenübersteht. Victor Sordo hat einen frischen Tenor, den er im Hirten Ecumee alterlos und entschieden besonnen wirken lässt. Jean Francois Novelli, Antonio Abate und Anna Zander runden das Ensemble ab und zeigen in mehreren Rollen ihre sängerischen Qualitäten. Besonders überzeugt die farbliche und gestalterische wohl ausbalancierte Abstimmung in der Auswahl und im Zusammenspiel der Stimmen. Barocke Originalität und wissenschaftliche Kenntnis dominieren und sichern den Erfolg dieser Wiederaufnahme der Produktion, die bereits 1998 erstmals erfolgreich in Bruxelles aufgeführt wurde.

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