© Lowres (c) Camille Rovera
Marseille: „Das Rheingold“ – Premiere am 5. Mai 2026
Wieder „Ring“ in Marseille
Nach vielen Jahren, einer „Walküre“ im Mai 2007 mit Albert Dohmen als Wotan und Janice Baird als Brünnhilde unter der musikalischen Leitung von Friedrich Pleyer, widmete sich die Opéra de Marseille im beeindruckenden klassizistischen Opernhaus der Mittelmeerstadt Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, diesmal mit dem „Rheingold“ in einer Inszenierung vom Charles Roubaud.
Aus finanziellen Gründen soll es - wie damals - nur bei einem Teil des „Ring“ bleiben, also dem Vorabend. Und dabei ist diese Inszenierung durchaus ansehnlich, wenn man vom 1. Bild, also der Rheinszene, absieht. Diese beginnt nämlich mit einem mittlerweile für das Regisseurstheater als klassisch zu bezeichnenden Topos der übelsten Art! Alberich tummelt sich gleich zu Beginn des (nun wirklich am besten vor geschlossenem Vorhang zu spielenden Vorspiel in Es-Dur!) als Putzer in einem Banktresor einer 1966 gegründeten Bank, mit dem altbekannten Putzer-Set auf Rädern.
Die Rheintöchter kommen nur herein, um gelangweilt und offenbar planlos in irgendwelchen Bank-Akten zu blättern. Bürokratische Rheintöchter sieht man nicht allzu oft! Schließlich, nachdem Alberich das gelbe, aus öffentlichen Toiletten bekannte Warnschild für nassen Boden aufgestellt hat, stochert er mit dem Putz-Wuschel nach den Rheintöchtern. Von verführerischer Erotik auch gar keine Spur, und damit auch nicht der geringste Grund für den Fluch auf die Liebe und den Raub der bereits offen im Tresor liegenden Goldbarren…
Im Nachhinein, wenn man gesehen hat, was in den nächsten drei Bildern kam, konnte man fast annehmen, das 1. Bild sei eine Parodie auf das allerorts in der Mitte Europas aus dem Ruder laufende Regisseurstheater. In den Bühnenbildern von Emmanuele Favre und ebenso eleganten wie geschmackvollen Kostümen von Katia Duflot sowie mit einer stets passenden Lichtregie von Jacques Rouveyrollis spielte sich ein durchwegs beeindruckendes „Rheingold“ ab. Es gab geometrische optische Linien, eindrucksvoll und dennoch sublime und sich unmerklich bewegende Wolkenzüge im Hintergrund. Und es war ein grandioses Walhall zu sehen, welches den berühmten stalinistischen Bauten in Warschau oder Moskau sowie dem großen, ebenfalls dreitürmigen Hotel in Mekka glich. Vielleicht etwas zu dick aufgetragen, gelegentlich auch die Grenzen des Kitsches streifend, hatte diese Video-Optik von Julien Soulier aber ein Format, das bestens zur Musik des Vorabends passte. Diese Szenerie hatte fast nichts mit der Dramaturgie der Rheinszene zu tun. Auch ein Gespräch mit dem Regisseur beim anschließenden Premierenempfang brachte keine Klarheit.
Die Sänger, die meisten davon mit ihrem Rollendebut, waren fast alle sehr gut und dabei nahezu völlig unbekannt in der Wagner-Szene. Alexandre Duhamel sang einen klangvollen und souveränen Wotan mit guter Mimik und Diktion. Er wurde bei seinen fragwürdigen Unternehmungen kompetent auf Augenhöhe unterstützt von Samy Camps als Loge, sehr agil und mit baritonaler und damit charaktervoller Tönung seines guten Tenors. Marion Lebègue sang eine erstklassige Fricka mit einem wohlklingenden vollen Mezzo und guter Aktion.
Élodie Hache war eine energische Freia von Weltklasse-Format. Sie ist sicher für Höheres im Wagner-Fach prädestiniert, ebenso wie Duhamel und Lebègue sowie Samy Camps. Auch die Erda von Cornelia Oncioiu aus Rumänien ließ mit einem wunderbar klingenden und damit umso mehr mahnenden Alt aufhorchen, total wortdeutlich wie auch alle ihre Kollegen. Zoltán Nagy gab einen noch recht jungen Alberich, sehr eloquent und prägnant im vokalen Vortrag und überaus agil in der Darstellung. Marius Brenciu als Mime, Yoann Dubruque als Donner, Eric Huchet als Froh, Patrick Bolleire als Fasolt und Louis Morvan als Fafner vervollständigten das sehr gute Ensemble. Amandine Ammirati, Marie Kalinine und Lucie Roche waren ebenfalls gute Rhentöchter, nur völlig verirrt unterwegs - nicht ihre Schuld!
Michele Spotti dirigierte das Orchestre de l’Opéra de Marseille sehr engagiert und hatte das „Rheingold“ mit dem beherzt aufspielenden Ensemble offenbar bestens geprobt. Es ergab sich wie schon damals bei der „Walküre“ wieder ein sehr guter Wagner-Klang, der Lust auf mehr machte. Warum nicht doch noch wenigstens eine neue „Walküre“. Die Sänger dazu sind ja fast alle schon an Bord!
Dr. Klaus Billand
01. Juni 2026 | Drucken

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