Virtuose und Entertainer: Maayan Licht verzaubert Karlsruhes Festival-Publikum

Xl_haendel_26-1656thorstenwulff_699abf71b4ad97.03082286 © Thorsten Wulff

Virtuose und Entertainer: Maayan Licht verzaubert Karlsruhes Festival-Publikum

Internationale Händel-Festspiele Karlsruhe Galakonzert 21. Februar 2026

Badisches Staatstheater Großer Saal

Virtuose und Entertainer: Maayan Licht verzaubert Karlsruhes Festival-Publikum

Lascia ch’io pianga ma cruda sorte.Die erschütternde Arie der Almirena in F-Dur aus Georg Friedrich Händels Oper Rinaldo, mit der Maayan Licht das Gala-Konzert bei den 48. Internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe beschließt, verwandelt den Großen Saal des Badischen Staatstheaters in einen Hort der Stille. Die Stimme des Sopranisten, in schwindelnden Höhen weiblicher Soprane situiert, erklimmt, eingebettet in den empathischen Klang der Deutschen Händel-Solisten, Räume, die staunen machen. Da möchte man unwillkürlich an die Lerche denken, die hoch flieht, um ein möglichst großes Gebiet mit ihrem Gesang zu erreichen.

Die Bonus-Dreingabe, vom Publikum im voll besetzten Haus mit großem Jubel quittiert, vermittelt indes einen unzutreffenden Eindruck vom Programm der rund zwei Stunden zuvor. Licht interpretiert zwar acht Arien aus Kompositionen der Barock-Zaren für die italienische Oper des 18. Jahrhunderts, konzentriert sich mit Werken von Händel, Antonio Vivaldi, Geminiani Giacomelli, Ricardo Broschi und Nicola Antonio Porpora gleichsam auf das Tafelsilber einer der größten Musikepochen. Einer Epoche, die nicht zuletzt dank der Virtuosität von Countertenören der Moderne und neuerdings einiger Sopranisten der Barockoper in den vergangenen Jahrzehnten zu einer neuen Blüte verholfen hat.

Nur begnügt sich Licht, Gewinner des Best Newcomer-Preises bei den Oper! Awards 2025, nicht damit, seine Arienrevue als Hochamt der alten Musik zu zelebrieren. Der aus Israel stammende Sänger nimmt sich die Freiheit und macht sich ein Vergnügen daraus, die einzelnen Titel mit launigen Anmerkungen in englischer Sprache anzukündigen und sprachlich zu paraphrasieren und dabei einen Ton zu treffen, der insbesondere bei jungen Besuchern ankommt. Sie sind im Konzertpublikum nennenswert präsent. Virtuosität und jede Menge Entertainment, was Licht vorzüglich beherrscht und wozu sein Gold schimmernder Showanzug im zweiten Teil auch vorzüglich passt.

Docere, delectare et movere, die Hauptaufgaben eines antiken Redners, rücken bei ihm in ein gänzlich neues Format. Er ist oder gibt sich völlig ungezwungen, bewegt sich bisweilen beschwingt wie ein Tänzer, um auch einmal einen angedeuteten Tanz mit Cremonesi zu wagen. Er wirft Kusshände in den Saal und seiner Maman im Parkett eine liebenswürdige Begrüßung zu, die von ihr auch direkt beantwortet wird. Fehlt eigentlich nur noch der Hinweis auf seinen Account bei Instagram, der vermutlich auch beifällig aufgenommen worden wäre.

Die Anmutung oder – je nach Empfinden – Befürchtung eines Hochamts der Barockoper wird von vornherein durch ein Konzertdesign unterlaufen, für das vor allem Attilio Cremonesi stehen dürfte, Leiter der Deutschen Händel-Solisten und seit 2024 Conductor in residence am Badischen Staatstheater. Drei sinfonische Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert, in die die Arienvorträge Lichts eingepasst sind, zeigen ganz unterschiedliche, jedoch kaum bekannte Beziehungen von Künstlern der Moderne zum Barock-Zeitalter auf und brechen innovativ die mögliche Homogenität eines klassischen Konzertablaufs auf.

Mutmaßlich für die meisten Besucher eine erste Konzerterfahrung: Benjamin Brittens Simple Symphony op. 4 von 1930, Arvo Pärts Fratres für Streichorchester und Schlagzeug von 1977 und die Fantasia on a theme by Thomas Tallis von Ralph Vaughn Williams, die 1910 entsteht. Allesamt sind mit variablen Ansätzen Bestrebungen, Tradition in Innovation überzuleiten. Insbesondere das keineswegs als simple zu verstehende Werk von Britten, der sich als Erster nach 1700 auf die englische Barocktradition und hier auf Henty Purcell beruft, schlägt mit sinfonischem Streicherglanz Brücken zu Barockstile, so in den mit Bourrée und Sarabande überschriebenen Sätzen.

Eine hoch entwickelte Kopf- oder eine natürlich hohe Männerstimme in Verbindung mit präziser Intonation, lange stabil gehaltenen hohen Tönen und Klangreinheit in extremer Höhe bei flexiblen Registerübergängen erlaubt Männern in seltenen Fällen, Rollen im weiblichen Sopranfach zu singen. Dabei scheinen sich jenseits aller individuellen Präferenzen neue Räume aufzutun, wenn etwa der Sopranist Bruno de Sá davon spricht, eine Violetta in La traviata singen zu wollen. Oder sein Kollege Dennis Orellana den Oscar in Un ballo in maschera. In den letzten Jahren ist der jüngste Schritt in der Evolution der männlichen Stimme noch durch soziale Medien verstärkt worden, wodurch gerade ein junges Publikum Sänger wie Licht und womöglich in zweiter Stufe die Werke von Händel bis Giacomo Puccini kennenlernt.

Licht, kürzlich als Cherubino in Le nozze di figaro an der Oper Dortmund ein Eyecatcher, demonstriert mit der Abfolge der Arien in Karlsruhe die vielfältigen Farben, Tempi und Stimmungen, mit denen er ungeachtet einer relativ schlanken, gleichwohl hellen und transparenten Stimme umzugehen und die er passgerecht einzusetzen weiß. Stürmisch und dynamisch mit waghalsigen Koloraturen in Brilla nell’alma aus Händels Alessandro. Verhalten-lyrisch mit einem superben Crescendo zu Beginn in Gelido in ogni vena aus Vivaldis Farnace, Beschwörend und klagend in Sposa, non mi conosci aus Geminiano Giacomellis Merope. Con abbandono, voller Hingabe inNel già bramoso petto aus Porporas Ifigenia in Aulide. Expressiv mit schnellen Läufen und einem innigen Mittelteil in Un pensiero nemico di pace aus Händels Il trionfo del Tempo e del Disinganno.

Stürmischer anhaltender Beifall für alle Akteure eines Konzerts, das indirekt den Faden der Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst aufnimmt. Sie wünscht im Programmheft dem Festivalpublikum „musikalische Erlebnisse und neue Perspektiven“, wobei das Letztere durchaus zutreffen kann. Seit über 400 Jahren ist die Kunst der Oper offen für neue Strömungen und Stile, ohne ihren Wesensgehalt zu verlieren. Wie im Nukleus hat das Karlsruher Konzert gezeigt, dass auf diese Fähigkeit auch weiter gebaut werden kann, über welche Wege und Technologien auch immer das Neue nach ihr greift.

Dr. Ralf Siepmann

Copyright Foto: Thorsten Wulff

 

 

 

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