Vergänglichkeit modern interpretiert - der neue Rosenkavalier aus München

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Die Zeit ist ein sonderbar Ding – Dieses berühmte Zitat aus der Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss nach dem Libretto von Hugo von Hofmannsthal scheint Barrie Kosky, der Regisseur der lange erwarteten Neuinszenierung sehr ernst zu nehmen. 1972 hatte die legendäre bis heute beim Publikum beliebte Inszenierung von Otto Schenk Premiere. Über 50 Jahre wurde diese opulente Rokoko Inszenierung verehrt. Jetzt quasi als Abschiedswerk läßt der scheidende Intendant Nikolaus Bachler eine neue Interpretation auf der Bühne des Nationaltheaters in München zu.

Viele sonderbare Ideen fügt der Australier zu einem phantasievollen Gesamtkunstwerk, welches zwischen Realität und Märchenwelt, Traum und Wirklichkeit, Slapstick und Komödie schwebt. Einer wahren Reizüberflutung muss sich der Zuschauer des Premierenabends – coronabedingt – am Fernseher oder Computer hingeben. Im leeren Nationaltheater tummeln sich umso mehr Mitwirkende auf der Opernbühne herum. In Interviews vor der Premiere hat der australische Regisseur immer wieder Bezug zu den Metamorphosen von Ovid, dem Spiel der Sexualität als einem Regenbogen von Möglichkeiten Bezug genommen.

Die Zeit in Gestalt von Uhren und die schicksalshafte Vergänglichkeit in Gestalt eines halbnackten Alten, in Anlehnung an Chronos, nehmen prominent in seinem Konzept Platz ein. Zu Beginn hält die durch den gesamten Abend schlurfende Gestalt eines alternden Mannes in Glitzershorts mit Engelsflügeln, Brille und langem lichten grauen Haar die Zeiger der schlagenden Uhr für die Protagonisten an, am Ende nimmt er diese aus der Uhr heraus und läßt die Liebenden in den Bühnenboden entschweben.

Im ersten Akt erleben wir die moderne selbstbewusste Marschallin in ihrem sterilen morbiden Wiener Palais. Sie kuschelt nicht mit ihrem jugendlichen Liebhaber Oktavian im opulenten Bett sondern tummelt sich in transparenten Dessous mit flatterndem Morgenmantel in offenen Raum, der sich durch bewegende Wände laufend verändert (Bühnenbild Rufus Didwizus). Um vom unerwarteten Besucher Baron Ochs von Lerchenau nicht komprimitiert zu werden schlüpft der Liebhaber in die Transvestie - Verkleidung und Gehabe eines sexy Zimmermädchens mit High Heels und Minirock (Kostüme Victoria Behr). Die Sängereinlage wird zur Anlehnung an den Kastratenfilm Farinelli mit barocker Verkleidung im Federkleid. - Stimmlich ist die Einlage von Galeano Salas sehr gelungen.

Zum zweiten Akt ruft schrill der Wecker und Sophie erwacht in ihrem Bett üppigst umgeben von schwülstig überladenen barocken Gemälden an den Wänden. Das Treffen mit Oktavian sowie die berühmte Übergabe der silbernen Rose gestaltet Barrie Kosky wie einen Traum der jungen edlen Bürgerin. Man denkt an Aschenputtel, wenn in der prachtvollen silbernen Kutsche, gezogen von zwei übermäßig geschmückten Rössern, der obligate Alte auf dem Kutschbock, Oktavian erscheint. Die silberne Rose hält er wie die Fee über dem Kopf Sophies und läßt den Duft versprühen und die Liebe Sophies erblühen. Wie aus den Gemälden entsprungen huschen die Diener des Baron von Ochs als wilde griechische Götter und Halbgötter mit Ziegenfüßen herum. Als kleine Handlanger des Teufels werden das italienische Ehepaar Valzacchi und Annina mit Hörnern gezichnet. Auch ihrem Vater Faninal entwachsen Hörner, als er dem Wunsch seiner Tochter nicht entspricht und auf die Vermählung besteht.

Zur Bühne auf der Bühne wird der dritte Akt. Ganz im Sinne der griechischen Mythologie der Vergänglichkeit, wie der Regisseur ausführt. Vor wechselnden Zuschauern und sich abwechselnd öffnenden Vorhang wird nahezu im Klamauk der Baron in einem nüchternen Speisezimmer entlarvt. Wenig inspirierend erscheint die Marschallin im tristen schwarzen Kleid und läßt die Liebenden ohne Gefühle zeigend in den Himmel schweben. Der Alte zieht nochmals die Strippen und entnimmt der Uhr die Zeiger und hält die Zeit für die Liebenden an.

Himmlisch ist die musikalische Umsetzung zu bezeichnen, die dem neuen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski sehr gelungen ist. Coronabedingt wurde eine neue Orchesterfassung von Eberhard Kloke erstellt, die sich an der kammermusikalischen Ausgestaltung der Oper Ariadne auf Naxos von Richard Strauss orientiert. Das so verkleinerte Orchester läßt Jurowski transparent schimmern. Sehr schwungvoll und im Rhythmus spannend ausgereizt arbeitet er die verschiedenen Stilelemente der Komposition heraus und gerade die Walzerrhythmen deuten subtil gekonnt Stimmungsbilder auf der Bühne. Aber auch auf expressive Opulenz verzichtet er nicht und fährt das Kammermusikorchester immer wieder zu vollen symphonischen Entladungen hoch. Ein neues Klang- und Interpretationsgefühl, dass die Wirkung und die Empfindung der Partitur an diesem Abend neu erleben läßt und in Ironie und Phantasie zur Interpretation auf der Bühne passt. Regisseur und Dirigent des Abends arbeiten bereits viele Jahre erfolgreich an der Berliner Komischen Oper zusammen.

Für viele Sänger dieser Neuinszenierung ist es ein Rollendebüt. Marlis Petersen hat in München zuletzt als Salome von Richard Strauss einen Erfolg gefeiert. Auch in ihrer Interpretation der Marschallin zeigt sie großes schauspielerisches Talent verbunden mit einer technisch sehr ausgefeilten Handhabung ihrer feinen hellen Sopranstimme. Glaubhaft und ebenso berührend philosophiert sie über ihr Schicksal und die Vergänglichkeit der Zeit, sexy und aufreizend färbt sie ihre Dialoge mit Oktavian. Hier überzeugt Samantha Hankey stimmlich mit ihrem sicher und leicht vibratohaft intonierenden Mezzo, der farblich gut zu den anderen Frauenstimmen passt. Im Spiel wirkt sie in der Hosenrolle zurückhaltend statt jugendlich abenteuerhaft, sprachlich ist ihr Deutsch schwer verständlich und den Wiener Dialekt überstrapaziert sie. Katharina Konradi blüht stimmlich in ihrem Debüt als Sophie auf und schwebt feenhaft in den Höhen strahlend schön.

Christof Fischesser brilliert in der Rolle des Baron Ochs von Lerchenau. Kraftvoll und vollmundig in allen Lagen, locker liedhaft in den Monologen singt und spielt er den von Doppelmoral und adliger Borniertheit geprägten Draufgänger. Johannes Martin Kränzle passt bestens dazu als Faninal, der selbst kein Kostverächter ist und lüstern in das Spiel des Baron einsteigt, dessen adligen Stand er selbst mit der Vermählung für seine Tochter erreichen will.

Insgesamt kann diese prall mit Ironie, Tiefsinn, vielschichtiger Doppeldeutigkeit und bunter Märchenwelt zwischen Slapstick und Klamauk gefüllte Neuinszenierung als tiefsinnig, intelligent und sicherlich unterhaltsam modern gewertet werden. Inwieweit diese den Publikumsgeschmack für Jahrzehnte erfüllen wird, wird sich zeigen. Auf alle Fälle freuen wir uns dieses zündende Werk auf der Bühne zu sehen und die Beteiligten entsprechend zu feiern. An diesem Abend vor dem Fernseher konnten dies nur die wenigen Anwesenden im Orchestergraben tun.

Dr. Helmut Pitsch

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